So weit wie noch nie
So weit wie noch nie
Ich öffnete langsam wieder die Augen und blinzelte ein paar Mal, um mich wieder zu orientieren. Das Wasser in der Wanne war schon ein gutes Stück heruntergekühlt und höchstens nur noch lauwarm. Ich seufzte kurz auf, bevor ich mich aus dem Wasser erhob und den Rücken einmal durchstreckte. Ich schnappte mir ein Leinentuch, das bereit lag, und begann mich damit abzutrocknen. „Deine Fähigkeiten im Bereich der Magie hab ich aber leider nicht geerbt …“, murmelte ich zu mir selbst, als ich mich über die Holzwanne neigte, um meine Haare auszuwringen. Anschließend wickelte ich meine Haare in ein Tuch, damit die restliche Feuchtigkeit aufgesogen wurde. „Ich kämm sie mir schon noch, aber erst wenn sie trocken sind.“ Bevor ich mich wieder anzog, untersuchte ich noch kurz die beiden Wunden, die mir Drack und Ramira zugefügt hatten. Die Stelle am Oberschenkel war kaum noch sichtbar, vermutlich würde nicht mal eine Narbe bleiben. Die Stelle an der Rippe schmerzte noch leicht, als ich sie abtastete, aber nicht mehr nennenswert. Danach schlüpfte ich wieder in meine Hose und Stiefel, knöpfte mein Oberteil zu. Meine Rüstung wieder anzulegen ersparte ich mir aber. Mit meiner restlichen Ausrüstung in den Armen verließ ich den Waschraum und die kühle Abendluft empfing mich direkt. Eilig tapste ich wieder ins Gasthaus. Auf dem Weg durch den Schankraum blickte mich der Wirt nur kurz wieder an, sagte aber nichts und ich ging hoch in das mir versprochene Zimmer.
Das Zimmer war eher schlicht eingerichtet. Es gab ein Bett mit einer Strohmatratze, einen Tisch mit einem Stuhl unter dem Fenster, eine Kommode in einer Ecke und tatsächlich auch einen Spiegel daneben an der Wand. Ich packte erst mal meine Ausrüstung auf den Tisch, damit ich die Hände wieder frei hatte, und schob dann den Riegel der Tür vor.
Ich drapierte die Rüstung über die Rückenlehne des Stuhls und lehnte den Rapier direkt neben dem Bett an die Wand. „Man weiß ja nie …“ Als Nächstes kümmerte ich mich um meine Haare. Zuerst nutzte ich das Tuch, um die letzten Reste der Flüssigkeit herauszuholen. Danach holte ich einen aus einem Knochen geschnitzten Kamm hervor und begann mir die Haare zu kämmen. Zu guter Letzt machte ich mir einen einfachen Zopf, wechselte in ein Schlafgewand und schlüpfte ins Bett. Ich musste mir die Matratze erst noch ein bisschen zurechtrücken und in Form drücken, da einzelne Strohhalme etwas pieksend hervorstachen.
Mit dem ersten Hahnenschrei und dem Kitzeln der Sonne auf meiner Nase wurde ich wach. „Ich sollte mich fertig machen und aufbrechen, bevor die Jäger eintreffen.“ Mit einem Seufzen, welches sich in ein langgezogenes Gähnen wandelte, erhob ich mich wieder aus dem Bett. Nachdem ich den Schlafzopf gelöst hatte, kämmte ich mir nochmals durch die Haare, bevor ich sie mir so flocht, wie es meine Mutter immer für mich getan hatte. Mit einem kurzen Blick in den staubigen Spiegel murmelte ich: „Siehst du, ich kümmere mich um meine Haare.“ Danach verstaute ich den Kamm wieder sorgfältig in meinem Rucksack. Zum Schluss legte ich mir wieder die Lederrüstung an und befestigte den Gürtel mit dem Rapier an meiner Hüfte.
Da ich erst mal kein Interesse an einer erneuten Konfrontation mit dem Wirt hatte, beschloss ich, etwas von meinen Vorräten als Frühstück zu verbrauchen. „Gut, dass mich Grunulf gerade nicht sieht … ‚Kleines Mäuschen‘ …“ Ich schüttelte den Kopf leicht, verließ das Zimmer, ging wieder durch die Schankstube – der Wirt war in dem Moment nirgends zu sehen – und trat hinaus auf den Dorfplatz. Die anderen Bewohner, die zu der frühen Stunde schon wach und unterwegs waren, warfen mir vielleicht einen kurzen Blick zu, bevor sie sich wieder abwandten – dieses Mal aber eher aus Desinteresse als aus Angst oder Misstrauen.
Ich hätte wieder das kleine Stück nach Süden zur Kreuzung gehen und von dort aus nach Nordwesten aufbrechen können. Ich entschied mich aber das Dorf Richtung Norden zu verlassen, wo ein einfacher Pfad auch wieder zu der breiteren Straße führt. Gerade als ich die Häuserreihen hinter mir lassen wollte, hörte ich hinter mir ein bekanntes „Halt, Fremde!“
„Grunulf, was gibt es denn noch?“
„Ohren steif halten, kleines Mäuschen.“ Es war der Anflug eines leichten Lächelns unter seinem Bart zu erkennen.
Ich funkelte ihn etwas bei diesem Spitznamen an. „Ich kann mich nicht erinnern, dir erlaubt zu haben, mich so zu nennen.“
„Kannst ja versuchen, es mir auszureden.“
Ich überlegte, was ich daraufhin erwidern sollte, als meine Gedanken von dem Hufgeklapper von mehreren Pferden unterbrochen wurden. Aus dem Wald im Süden war eine kleine Gruppe von Reitern erschienen, die jetzt auf das Dorf zuritten.
„Ah, Jacobi kommt wohl mit deinen Jägergefährten wieder.“
„Und das ist mein Zeichen, dass ich aufbrechen sollte.“ Und mit diesen Worten zog ich eilig wieder meine Kapuze über den Kopf.
„Ich verstehe.“ Er verpasste mir einen kräftigen Schlag mit der flachen Hand gegen meinen Arm – für die Schulter hatte es von der Höhe her nicht ganz gereicht. „Für ne Teufelstochter bist du in Ordnung. Pass auf dich auf.“
„Und du bist einer der besten Zwerge, die ich bisher kennengelernt habe. Zugegeben, ich kenne nicht viele Zwerge.“
Darauf musste Grunulf tatsächlich kurz auflachen. Ein tiefes, dröhnendes Lachen, das über den halben Dorfplatz schallte und die Aufmerksamkeit der Reiter auf sich zog, die gerade das Zentrum erreichten.
Der vorderste von ihnen zügelte sein Pferd. Selbst über den ganzen Platz hinweg hätte ich ihn unter Dutzenden sofort wiedererkannt.
Abawitan.
Für einen Herzschlag trafen sich unsere Blicke. Dann drehte ich mich weg, schneller, als mir lieb war. Die Kapuze saß tief, aber das nützte nichts. Er hatte mich erkannt, und wenn nicht mich, dann ganz sicher den Mantel meiner Mutter.
Gestern noch hatte ich mir ausgemalt, wie er im Brief des Vogts von meiner ersten Jagd lesen würde. Jetzt war er hier, und alles, was ich wollte, war weg.
„Tschüss.“ Mehr brachte ich als Verabschiedung zu Grunulf nicht heraus, da mir ein Kloß im Hals saß. Dann schritt ich nach Norden davon. Hinter mir hörte ich, wie der Vogt aus dem Rathaus trat und die Gruppe begrüßte. Ich rechnete schon damit, dass jemand meinen Namen rufen würde, vielleicht sogar brüllen. Niemand tat es. Oder ich hörte es zumindest nicht mehr.
Ich verließ Baldora auf dem nördlichen Pfad, der ein Stück weiter wieder in den breiteren Hauptweg mündete. Dieser war breit genug, dass theoretisch zwei Kutschen ohne Probleme nebeneinander fahren konnten. An der Einmündung blieb ich stehen. Hinter mir lag Baldora, dahinter der Wald und irgendwo weiter im Süden das Anwesen. Auf dem Dorfplatz stand Abawitan. „Wenn ich jetzt weitergehe, bin ich so weit vom Anwesen entfernt wie noch nie zuvor.“ Ich warf einen letzten Blick über die Schulter.
Der Pfad hinter mir blieb leer.
„Ganz ruhig. Einfach einen Schritt nach dem anderen …“ Mein Herz pochte, als ich den ersten Schritt machte.
Um mich zu beruhigen, rief ich mir die Karten ins Gedächtnis, die ich mir im Archiv des Anwesens immer so gerne angeschaut hatte. „Wenn ich keine zu langen Pausen mache und mich bei Kreuzungen immer in nordwestlicher Richtung halte, sollte ich gegen Abend in Wardjagard ankommen.“ Es half. Mit jedem Schritt wurde die Unruhe ein wenig leiser, und ich ging in Gedanken durch, was ich über die Stadt wusste: eine alte Sternenfeste am Fluss, Türme zu beiden Seiten des Ufers. Errichtet wurden sie in früheren Zeiten, um Plünderer auf ihren Schiffen davon abzuhalten, weiter flussaufwärts ins Landesinnere zu gelangen. Doch nicht die Befestigungen bereiteten mir unbehagen. Wenn die Bücher recht hatten, lebten dort mittlerweile über 10.000 Personen auf engem Raum zusammengepfercht. Ich schluckte.
Dann kamen mir Grunulfs Worte wieder in den Sinn. „Aber im Wortgefecht gehst du unter. Daran musst du arbeiten, wenn du was in der Welt erreichen willst.“ Ich seufzte. Er hatte recht, und das wusste ich. „Aber ich werde mich nicht unterkriegen lassen. Wirst schon sehen! Wo sonst sollte ich daran arbeiten können, an mir arbeiten können, wenn nicht in einer Stadt voller Händler, Gauner und Diebe?“
Meine Reise war soweit relativ ereignislos. Natürlich lagen auf dem Weg noch andere Dörfer, teilweise auch größer als Baldora. Sofern es möglich war, vermied ich es, direkt hindurchzugehen, sondern nahm eher die Wege außen herum. Nur einmal verweilte ich kurz, um mir auf einem kleinen Markt ein frisch gebackenes Brot zu kaufen. Dem Geruch konnte ich als Kind schon nicht widerstehen. Dazu noch etwas getrocknetes Fleisch und ein paar saftige Äpfel. Und das alles für gerade mal eine der Silbermünzen, die ich vom Vogt bekommen hatte. Die Kapuze war natürlich immer tief ins Gesicht gezogen, während ich mich durch den Trubel auf dem Marktplatz schlängelte. Die Leute kniffen zwar vielleicht die Augen kurz zusammen, als sie beim Bezahlen die blaue Haut an meinen Händen erblickten. Doch bevor sie etwas sagen konnten, war ich schon wieder weiter.
Gegen Abend, als die Sonne bereits tief am Horizont stand und mir die müden Füße schmerzten, sollte die bisherige Ruhe auf meiner Reise jedoch jäh unterbrochen werden. Ich folgte gerade der gebogenen Straße entlang eines Waldstücks, dessen Bäume schon lange Schatten warfen, als der Ausruf „Stirb, du Monster!“ mich hochschrecken ließ.