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Die Liebe einer Mutter

Die Liebe einer Mutter

Das Monster tauchte überraschend unter der Wasseroberfläche hervor. Die Frau schrie auf vor Angst, die grünen Augen aufgerissen und die langen, schwarzen Haare klebten in ihrem Gesicht. Sie rutschte rückwärts über den nassen Boden davon. Laut brüllend machte sich das Wesen bereit, aus dem Wasser heraus auf die Frau zuzuspringen und sie anzugreifen.
Da musste die Frau anfangen zu lachen. „Untersteh dich, Splitter, du bleibst schön in der Wanne.“ Mit einem Lächeln auf den Lippen, aber in mahnendem Ton, richtete sich die Frau wieder auf. Sie tätschelte mir erst den Kopf, drückte mich dann aber mit der Hand auf der Schulter wieder bestimmt ins Wasser zurück, wo mich der Kräuterduft empfing. „Aber Mama, ich bin nicht Splitter. Ich bin das gefährliche Monster des Sees, welches ahnungslose Reisende überfällt, die es wagen, zu nahe zu kommen.“
„Aber auch das gefährliche Seemonster muss gewaschen werden, wenn sich der Abenteurer, den man im Garten überfallen wollte, als der weise alte Großvater herausstellt, der einem den Hintern versohlt und in den Dreck befördert.“ Sie kicherte leicht. Mit einem Schmollmund setzte ich mich wieder hin. „Das war ja auch nicht fair. Er ist viel größer als ich.“
„Und es wird noch viele weitere Gegner geben, die größer sind als du.“ Meine Mutter nahm einen Schwamm und begann, mir damit den Dreck vom Gesicht zu waschen.
„Aber was kann ich dann gegen so einen Gegner machen?“
„Wenn der Gegner groß und stark ist, musst du einfach schnell und flink sein. Duck dich zwischen seinen Beinen hindurch. Wenn sie schwerfällig sind, versuch in ihren toten Winkel zu gelangen, in dem sie dich nicht sehen können.“ Sie griff hinter mir ins Wasser und holte sanft die Spitze meines Schweifs hervor. „Aber pass vor Monstern auf, die einen Schwanz haben. Für genau solche Fälle haben die gerne mal harte Enden oder Stacheln daran, mit denen sie gerne um sich schlagen. Und wenn das alles nicht reicht …“ Sie tippte mir sanft gegen die Stirn. „Dann benutze deinen Kopf. Beobachte. Analysiere. Lerne. Monster – aber auch viele Personen – handeln instinktiv und häufig nach ähnlichen Mustern. Nutze das zu deinem Vorteil. Dein Körperbau ist wie bei mir eher agil als kräftig, aber zum Glück hast du dazu auch noch meinen Verstand geerbt – wenn nicht sogar den deines Großvaters.“ Ich lauschte ihr neugierig und mit einem Funkeln in den Augen. „Aber denk nicht, dass das allein schon reicht, um meinen Vater überlisten zu können – ich weiß, wovon ich spreche.“ Sie lachte etwas, als ich wieder zu schmollen begann. „Dafür musst du einfach noch mehr trainieren.“

Sie begann mir mit der raueren Seite des Schwammes den Rücken zu schrubben. „Ich bin immer wieder davon beeindruckt, wie du es nur schaffst, dich so dreckig zu machen.“
„Ich wollte durch ein paar der Büsche hindurch, um mich anschleichen zu können. Aber irgendwie hat es Großvater geschafft, mich zu bemerken.“
„War dieses irgendwie vielleicht der Moment, an dem du versucht hattest, einfach durchzuspringen und die Blätter wie wild geraschelt haben?“
„Nein! Das … er hat einfach zu gute Ohren!“
„Du bist da nicht nur hindurchgesprungen. So wie es aussieht, hast du auch noch den halben Busch mitgenommen. Jetzt bleib mal ruhig sitzen.“ Sie zupfte mir einzelne Blätter und kleine Holzstückchen aus den Haaren.
„Aua, das zieht!“
„Tja, da musst du jetzt durch. Andernfalls kann ich dir auch die Haare abschneiden!“
„Nein, bitte nicht!“ Ich sprang wieder auf und drehte mich zu ihr herum, als ob ich dadurch meine Haare beschützen würde. „Ich will meine Haare lang lassen. So wie du sie hast!“
„Dann halt jetzt still, damit ich die Blätter rauszupfen kann, sonst hol ich wirklich noch die Schere.“ Mit einer Hand auf der Schulter drückte sie mich erneut hinunter in die Wanne. „Wie kannst du nur noch so viel Energie haben, obwohl du dich gerade eben erst ausgetobt hattest?“ Nachdem meine Haare frei von den Überresten der Natur waren, nahm sie einen aus einem Knochen geschnitzten Kamm und versuchte die zerzauste Frisur in Ordnung zu bringen. „Wenn du lange Haare haben willst, dann musst du dich auch darum kümmern. Regelmäßiges Waschen und Kämmen, und keine Vogelnester darin bauen.“

Es klopfte an der Tür, bevor sie einen Spalt geöffnet wurde. „Mia’Karna, komm bitte mal kurz her.“ Frodahar stand im Gang. „Ist gut. Splitter, du bleibst schön hier im Wasser, ich bin gleich wieder da.“ Daraufhin stand meine Mutter auf und ließ mich allein zurück. Ich wollte aber nicht sitzen bleiben. Deswegen stieg ich vorsichtig aus dem Zuber und schlich hinüber zur Tür, um das Gespräch teilweise belauschen zu können.
„… ja genau, so wollte ich es nennen. Damit werde ich auch als Erstes anfangen. Alles Wichtige, was sich in einem Buch vermitteln lässt, werde ich darin zusammentragen. Es ist natürlich kein vollwertiger Ersatz und es wird schwerer für sie werden – aber ich bin mir sicher, wenn sie so weitermacht, dann schafft sie das.“ Frodahar sprach mit gesenkter Stimme.
„Ich danke dir, Vater. Das bedeutet mir sehr viel.“ Als ich hörte, wie die Schritte wieder näher zur Tür kamen, tapste ich eilig zurück zum Zuber und versuchte möglichst lautlos, wieder ins Wasser zu steigen.
Als meine Mutter die Tür wieder öffnete, saß ich mit dem Rücken zu ihr und tat natürlich unschuldig. Meine Mutter begann dann wieder, mir meine Haare zu kämmen.
„Machst du mir wieder diese Zopf-Dinger in die Haare?“
„Aber nur, weil du so brav im Wasser geblieben bist.“ Nachdem ich aus der Wanne gestiegen war und auf einem kleinen Hocker Platz genommen hatte, trocknete sie mich mit einem einfachen Zauber ab. Ein warmer Luftzug ging von ihrer Hand aus, umwirbelte mich spielerisch und nahm das Wasser mit sich. Anschließend flocht sie mir oberhalb der Ohren auf jeder Seite einen schmalen Zopf. Sie führte beide am Hinterkopf zu einem einzigen zusammen, der über die übrigen offenen Haare den Rücken hinabfiel.
„So“, sagte sie, als sie die Spitze des Zopfes mit einem Band umwickelte, sodass er sich nicht wieder auflöste. „Jetzt fallen dir deine Haare beim Rennen nicht ständig ins Gesicht.“
„Ich will aber nicht wegrennen. Ich will kämpfen!“
„Dann eben, damit sie dir die Sicht nicht versperren, wenn du deinen Großvater wieder überfallen willst.“ Sie gab mir einen Kuss auf die Stirn und umarmte mich. Dann flüsterte sie mir ganz leise ins Ohr: „Versuchs mal über seine linke Seite, da ist er etwas langsamer.“

Damals habe ich nicht verstanden, dass sie mich mit dem einfachen Zauber genauso gut hätte säubern können.
Ich dachte auch, sie hätte nicht gemerkt, dass ich sie belauscht hatte.
Erst Jahre später wurde mir klar, dass sie definitiv die nassen Fußabdrücke am Boden gesehen hatte.