Im Schein des Feuers
Im Schein des Feuers
Instinktiv riss ich meinen Schild hoch und hielt meinen Rapier bereit, mich vor dem Angreifer zu verteidigen. Ohne die Augen von der Baumreihe zu nehmen, ging ich langsam ein paar Schritte rückwärts, um Abstand zu nehmen. Doch von dem Mann war nichts zu sehen.
Dann erreichten Kampfgeräusche meine Ohren und ich verstand, dass der Ausruf nicht mir galt. Als ich den Schmerzensschrei des Mannes hörte, eilte ich los und rannte die Straße entlang.
Vom rötlichen Licht der Sonne geblendet musste ich mehrmals blinzeln, als sich das Geschehen offenbarte. Eine geschlossene Kutsche stand mitten im Weg. Darauf stand ein Elf in feiner, lila Kleidung mit langen braunen Haaren. Neben der Kutsche befand sich ein hochgewachsener Halbork mit grünlich-grauer Haut und hellblonden Haaren, entweder vom menschlichen Elternteil geerbt oder mit Absicht gefärbt. Er trug ein Kettenhemd und war mit einem Langschwert und Schild bewaffnet. Auf der anderen Seite des Gefährts war eine schwarzhaarige Elfe, in einer Lederrüstung, in der rechten Hand ein gebogenes Kurzschwert und in der anderen einen Dolch. Die beiden Pferde waren unruhig und bäumten sich immer wieder auf, wobei sie wild schnaubten und wieherten. Die Ursache für den Aufruhr waren vier kleine, rote Gestalten, die seltsame Geräusche von sich gaben, welche entfernt an eine Mischung aus Zischen und Blubbern erinnerten. Erst dachte ich, es handelte sich dabei wieder um kleine Teufel, da sie die Gruppe mit ihren Flügeln umzingelten. Zumindest war ich noch nicht nah genug, um mehr zu erkennen.
Der Langschwertkämpfer verpasste gerade einer der Kreaturen einen heftigen Hieb, worauf die kleine Gestalt ein Stück zurückgestoßen wurde. Die Schwarzhaarige wehrte dagegen mit ihren beiden Klingen Angriffe von beiden Seiten ab. Der Anführer der Gruppe wirkte einen Zauber und ein eisblauer Strahl schoss aus seiner ausgestreckten Hand auf die letzte der vier Kreaturen zu. Ich entschied mich einzugreifen, steckte den Rapier zurück und zog den Bogen aus der Seitentasche meines Rucksacks. Mit geübten Handgriffen spannte ich die Sehne ein. Aus dem Köcher fischte ich mit den Fingerspitzen einen der Pfeile. Nach einem schnellen Abschätzen entschloss ich mich, der Elfe zu helfen, die gerade von zwei Kreaturen bedrängt wurde. „Okay, knapp über 30 Meter. Wird etwas schwieriger …“ Ich legte den Pfeil ein, spannte den Bogen und wartete für einen Augenblick, damit ich nicht aus Versehen auf die Kämpferin schießen würde.
Eine Sekunde später sollte sich auch schon die passende Gelegenheit bieten. Mit dem Kurzschwert stieß sie einen der geflügelten Angreifer etwas von sich weg. Ich kniff die Augen zusammen, atmete aus, ließ die Sehne los, und der Pfeil zischte nach vorne durch die Luft. Er fand sein Ziel zwar, allerdings war es nur ein Streifschuss.
Die Elfe blickte sich überrascht in meine Richtung um und nickte mir kurz zu, bevor sie sich vor einem weiteren Angriff des anderen Wesens wegduckte. „Du musst dich beeilen, Krooshtar! Da kommt jemand, um dir die Show zu stehlen!“
Der Halbork auf der anderen Seite lachte. „Pah! Von wegen Mell, soweit lass ich’s nicht kommen! Die gehören mir! Argh, Scheiße!“ Plötzlich begann das Schwert des Streiters rot zu leuchten, als wäre es verzaubert worden. Er ließ seine Waffe fallen und schüttelte seine Hände aus, als ob er etwas Heißes angefasst hätte. Als die Klinge zu Boden fiel, begannen einzelne Grashalme in der Nähe davon Feuer zu fangen. In meinem Kopf begann es zu rattern. „Die Kreaturen sind größer als die kleinen Teufel. Zudem haben sie nicht diesen Skorpionsschwanz. Das Schwert hat geglüht und jetzt brennt das Gras.“ Dann sah ich, wie sich der Bauch der Kreatur, die von dem Kältestrahl getroffen wurde, aufzublähen begann.
Ich rief zu der Gruppe hinüber: „In Deckung, das sind Mephiten!“, doch meine Stimme ging unter in dem Geräusch, als der Mephit einen Kegel aus Feuer auf den Schwertkämpfer und den Elfen auf der Kutsche spuckte. Die Flammen loderten wild auf und umhüllten die beiden. Als sich das leuchtende Rot auflöste, stand der Magier keuchend und angesengt auf der Kutsche. Der Krieger lag am Boden, der Angriff hatte ihn übel mitgenommen. Schwer atmend und mühsam rappelte er sich mithilfe seines Schildes wieder auf. Die Elfe namens Mell rief über die Schulter zu den beiden hinüber: „Herr Telaris, Kroosh, geht’s euch soweit gut?“
Der Elf auf der Kutsche, wohl Telaris, klopfte sich etwas Ruß von der Kleidung und hustete. „Ja, das geht schon. Pass auf dich selber auf!“
Krooshtar blickte kurz zu seinem Schwert am Boden, von dem immer noch ein leicht rötlicher Schimmer ausging. „Bei den Ahnen meiner Mutter! Dich mach ich fertig!“ Er griff zu einer Handaxt an seinem Gürtel und ging damit auf den Mephiten vor sich zu.\
„Nein, nicht!“, schrie ich, doch war es schon zu spät. Genau in dem Moment traf seine Axt den kleinen Körper. Der Halbork grinste erst noch breit, wobei sichtbar wurde, dass einer seiner Hauer bereits in der Hälfte abgebrochen war. Inerhalb eines Wimpernschlags wandelte sich sein Blick in Panik, als der Mephit vor ihm sich in einem letzten Akt erst aufblähte und dann zerbarst. Mehrere Spritzer von flüssigem Feuer verteilten sich über ihn und drangen teilweise unter seine Rüstung ein. Schmerzerfüllt schrie er auf und wälzte sich am Boden. Der Elf auf der Kutsche rief zur Elfe hinunter. „Mellaria, Krooshtar liegt am Boden!“
„Verflucht! Wir haben keine Heiltränke mehr!“
Schnell spannte ich einen weiteren Pfeil ein und feuerte ihn auf den Mephiten, der gerade das Feuer gespuckt hatte, bevor sich dieser auf den Elfen auf der Kutsche stürzen konnte. Das Geschoss traf sein Ziel und sorgte dafür, dass auch diese Kreatur sich in einen Schwall von Magma auflöste. Brennende Klumpen verteilten sich um die Stelle herum – zum Glück stand aber niemand in der Nähe.
„Erledigt sie nicht im Nahkampf!“, rief ich den anderen nochmals zu, als ich noch etwas näherrückte, um besser in Reichweite des Bogens zu sein.
„Das sagt sich so leicht!“ Die Elfe duckte sich wieder vor den Angriffen weg. Sie war sichtbar unschlüssig, wie sie sich nun mit den Klingen erwehren sollte. „Krooshtar! Beweg deinen Arsch, steh auf, reiß einen dummen Witz wie sonst immer und kämpf gefälligst weiter!“ Es klang wie ein Befehl, doch das Zittern in ihrer Stimme war unüberhörbar. Aber Krooshtar bewegte sich nicht mehr und auch seine Schmerzensschreie waren bereits verstummt. Sie stieß ein paar elfische Wörter von sich, von denen ich nur vermuten konnte, dass es sich um einen Fluch handeln müsste.
„Pass auf!“ Gerade noch so im letzten Moment konnte ich sie vor einem weiteren Angriff warnen. „Bleib auf Verteidigung und stoß sie nur von dir weg! Wenn möglich lauf hinter mich!“ Mit schnellen Schritten lief ich hinüber, um die Distanz zu überbrücken.
Mellaria stieß einen der Mephiten von sich weg und lief los. Der letzte Mephit wollte mit seinen Krallen noch nach ihr schlagen, verfehlte sie aber. Kurz dachte ich, sie würde zu ihrem Gefährten hinüberrennen, kam aber dann doch auf mich zugeeilt. Schon begannen die geflügelten Kreaturen ihr hinterherzusetzen. Aufgrund des unruhigen Zerrens der Pferde an ihrem Geschirr ging ein Ruck durch die Kutsche, sodass Telaris mit seinem Kältestrahl sein Ziel verfehlte.
„Ich fang sie ab, übernimm den Bogen!“ Ich warf der Elfe meinen Bogen zu und lief so an ihr vorbei, dass sie sich zumindest ein paar der Pfeile aus dem Köcher an meinem Gürtel schnappen konnte.
Ich zückte gerade noch so meinen Rapier, bevor die beiden Mephiten mich erreichten.
Ein paar Meter hinter mir blieb die Elfe dann stehen, spannte schon den Bogen. „Was ist mit dir!?“ rief sie, zögerte aber wohl noch zu feuern.
Ich konnte mich gerade noch so vor einem Paar Klauen wegducken, die nach meinen Augen trachteten. „Ich kann das besser ab! Schieß, verdammt!“
Schon zischte der Pfeil an mir vorbei und traf den Mephiten in der Brust. Es reichte aber wohl nicht aus, um seine Todes-Reaktion auszulösen. Doch mit einem schnellen Ausfallschritt rammte ich die Spitze meiner Klinge in den Kiefer der kleinen geflügelten Gestalt. Ich drehte noch meinen Kopf zur Seite weg, als sich das flüssige Feuer über mir verteilte. Es war heiß, es brannte – ich konnte spüren, wie die Haut auf meinem Handrücken kleine Bläschen warf. Doch ich schüttelte mich und meine Hände, um das Magma von mir zu bekommen. Ich biss die Zähne zusammen und widmete mich dem letzten Angreifer.
„Du bist im Weg!“, rief die Elfe hinter mir. Ich wollte schon etwas erwidern, doch ich musste meinen Schild hochziehen, als weitere Krallen versuchten, mir die Haut im Gesicht aufzureißen. In dem Moment kam ein Ruf von der Kutsche: „Jetzt wird es kalt!“ Telaris beschwor einen weiteren Eisstrahl herbei und feuerte ihn der Kreatur in den Rücken. Ein Panzer aus Eis begann sich über den Rücken und um die Flügel des Mephiten zu bilden. Durch den Frost verlangsamt konnte ich mich ohne Probleme neu positionieren, sodass eine freie Schusslinie existierte. „Mellaria, jetzt!“
Im nächsten Augenblick kam schon ein Pfeil angeflogen, durchbohrte zuerst die kalte Schicht und bohrte sich zwischen den Rippen in den Körper hinein. Mit einem schnellen Streich durchtrennte ich mit meinem Rapier den dünnen Hals, woraufhin der Kopf nach vorne herabrollte. Doch bevor dieser auch nur ansatzweise nahe des Bodens kommen konnte, begannen sich sowohl der Kopf als auch der Körper wieder aufzublähen.
Ich versuchte noch, meinen Schild hochzureißen, schaffte es aber nicht mehr rechtzeitig. Hitze umfing mein Gesicht und meine Arme. Ich konnte zumindest noch die Augen schließen und biss die Zähne zusammen, als ich merkte, wie sich die Spritzer in meine Haut an den Wangen und den Händen hineinbrennen wollten.
Ich ließ den Rapier fallen und warf schnell die Kapuze zurück, damit ich mir die Überreste des Wesens aus dem Gesicht wischen konnte. Eilig kam Mellaria zu mir gelaufen und schüttete den Inhalt ihres Trinkschlauchs über meinen Kopf. Das Wasser zischte, als es auf die glühenden Reste in meinem Gesicht traf, und der aufsteigende Dampf nahm mir kurz die Sicht. „Danke für deine Hilfe. Und danke, dass du das Feuer auf dich genommen hast.“
Ich wollte gerade schon etwas erwidern, als ich bemerkte, dass sich ein paar dieser Spritzer auf den Ärmeln meines Mantels verteilt hatten. Ich klopfte schnell die glühenden Stellen aus, damit er nicht noch Feuer fing.
Dann drehte ich mich erst zu ihr um. „Schon gut. Ich sagte ja schon, ich kann das besser ab“, sagte ich, als ich meine Handrücken betrachtete, auf denen sich mehrere kleine Bläschen bildeten. „Aber es brennt trotzdem wie der heißeste Ofen.“
Wohl erst jetzt waren ihr die Hörner, meine blaue Hautfarbe und die grünen, schlitzförmigen Augen aufgefallen. „Ja, jetzt versteh ich auch warum.“ Sie blickte mich etwas abschätzig an. „Hier.“ Sie reichte mir meinen Bogen und die restlichen Pfeile zurück. Dann ging sie wortlos an mir vorbei zurück zur Kutsche. Telaris war mittlerweile davon heruntergeklettert und stand neben Krooshtar.