Schmerzhafte Erinnerung
Schmerzhafte Erinnerung
Ich streckte mich auf die Zehenspitzen und hielt mich an dem Fensterbrett fest, um nach draußen zu blicken. Es war ein schöner Sommernachmittag, die Vögel flogen voll Leichtigkeit und sangen ihr Lied. Das Wasser im Springbrunnen im Zentrum des Innenhofes glitzerte und reflektierte die Sonne. Die Bäume, die den Kräutergarten umringten, wiegten sich sanft in der frischen Sommerbrise. Im Garten wurde gerade eine Gruppe von Ordensschülern über die Wirkung und richtige Ernte verschiedenster Kräuter unterrichtet. Allerdings konnte man den meisten ansehen, dass sie lieber zurück auf den Übungsplatz wollten.
Als einer der Anwärter, der ungefähr doppelt so alt war wie ich, ein giftiges Kraut falsch bestimmte und vom Ausbilder Jerome sehr scharf korrigiert wurde, musste ich leicht in mich hinein kichern.
Ich konnte mir direkt vorstellen, wie er mit seiner rauen, fast bellenden Stimme den Jungen zurechtwies. „Wenn du bald nicht anfängst, dich mit solchen Dingen zu beschäftigen, Bursche, dann wirst du zwar im Kampf durchhalten, aber am Ende bringst du noch jemanden um aufgrund deiner Dummheit! Mit Glück bist du es dann nur selbst, aber vielleicht auch noch deine Kameraden! Bis morgen Abend schreibst du einen Bericht über die Mitternachtsglocke! Mindestens zwei Pergamente! Und denk gar nicht erst daran, wieder mit einer zu großen Schrift betrügen zu wollen!“
Ich ging zu meinem Tisch, setzte mich auf den Stuhl und nahm eins der vielen Bücher, die darauf verteilt waren, in die Hand. Aber anstatt direkt zur entsprechenden Seite zu blättern, rief ich im Kopf erst nochmals die Informationen zur Mitternachtsglocke ab.
„Eine tiefblau-violette Blume, deren Blüten wie eine Glocke nach unten hängen, mit hellblauem Griffel, der an den Schlägel erinnert. Diese Blüten sind dabei mit unzähligen kleinen Stacheln bedeckt, die bei Kontakt die Haut durchdringen und ein ätzendes Gift übertragen. Kleinere Mengen sorgen dabei für einen unangenehmen juckenden Ausschlag. In einer größeren Dosis könnte es aber zum Zersetzen von Fleisch- und Muskelgewebe führen“, murmelte ich mit geschlossenen Augen vor mich hin. „Doch vorsichtig zerkleinert, abgekocht und anschließend abgegossen, ergibt sie eine Paste, aus der sich eine schmerzlindernde Salbe herstellen lässt.“
Ich schlug den Codex der Kräuter auf, wechselte zur entsprechenden Seite der Pflanze und freute mich, dass ich sie richtig bestimmen konnte.
Doch dann riss mich das Geräusch von schreienden Kindern aus meiner Konzentration. Eilig schob ich meinen Stuhl vom Tisch vors Fenster, kletterte darauf und blickte wieder hinunter in den Innenhof. Fünf Kinder rannten gerade lachend um den Brunnen herum, während sie sich gegenseitig mit Spielzeugschwertern aus Holz bekämpften. An dem Tag war eine Versammlung auf Geheiß von Abawitan in der Ordensfestung, und ein paar der erfahreneren Jäger waren erschienen und hatten ihre Familien mitgenommen.
Eines der Kinder, ein Elf namens William, sprang auf den Rand des Brunnens und wandte sich den anderen vieren zu. Ich hatte ihn schon öfters beobachten können und wusste genau, dass er es liebte, sich als Anführer der Gruppe aufzuspielen. Und das nur, weil er ungefähr ein bis zwei Jahre älter war als die anderen. Sie waren wieder dabei, Monsterjagd zu spielen, bei der ein Kind dazu bestimmt wurde, die Rolle des Monsters einzunehmen, während die anderen als Jäger das Monster erlegen mussten.
William zeigte nacheinander mit seinem Holzschwert auf die anderen, doch alle schüttelten den Kopf und sie begannen zu diskutieren. Es schien, dass niemand sich für die Rolle bereit erklären wollte. Etwas, das ich damals nicht verstehen konnte. Ich fand Monster mit ihren natürlichen Waffen und Eigenschaften schon immer spannend, lange Klauen oder scharfe Zähne; spitze Hörner oder ein stacheliger Schweif; dicke Schuppen oder eine glitschige Haut, an der Schwerter abgleiten; die Fähigkeit, Feuer zu spucken oder Säure zu speien, und noch vieles mehr.
„Wenn keiner von ihnen will … vielleicht darf ich ja dieses Mal mitspielen!“, rief ich mit einem Leuchten in den Augen. Ich sprang von meinem Stuhl und schnappte mir Schwert und Schild aus Holz, die mein Großvater für mich mal geschnitzt hatte, als ich ihn darum gebeten hatte. Eilig rannte ich die Treppe hinunter, wobei ich meine Schritte im ersten Stock verlangsamte, damit ich die Gruppe von Jägern nicht in ihrer Besprechung störte.
„Wenn sich niemand freiwillig meldet, bestimme ich jemanden!“, sagte William entschlossen, als ich nach draußen in den Innenhof trat.
„Warum bist du eigentlich nie das Monster?“, fragte ein anderes Kind.
„Weil ich natürlich der Held bin, der am Ende dem Monster den letzten Schlag geben wird“, sagte er mit einer Selbstverständlichkeit. Die anderen Kinder wagten es selten, William zu widersprechen. Aber nicht, weil sie ihn respektierten oder ihm zustimmten, sondern weil er sonst bockig wurde und allen den Spaß verdarb.
„Ich mache gerne das Monster für euch!“, rief ich, als ich aus dem Türbogen heraus nach draußen trat. Sie drehten sich zu mir herum und blickten mich missmutig an. Mirabell, eine Halb-Elfe und das einzige Mädchen der Gruppe, erhob als Erste das Wort. „Verschwinde von hier, du Teu…“, fing sie an, doch wurde sie unterbrochen, als William vom Brunnen sprang, ihr die Hand auf die Schulter legte und vor die Gruppe trat. „Na gut, du darfst mitspielen. Du bist das Monster, wir die Jäger, die dich erschlagen.“
Ich wusste zwar nicht, warum ich dieses Mal mitspielen durfte, aber es war mir auch egal. Zu lange hatte ich darauf gewartet, um es in dem Moment in Frage zu stellen.
„Wir müssen aber noch unsere Strategie planen“, sagte William, als die Kinder sich ein paar Schritte von mir entfernten, einen Kreis bildeten und die Köpfe zusammensteckten. Einmal blickte Harkan über die Schulter zu mir herüber und grinste, und Frug kicherte so laut, dass Mirabell ihm einen Ellbogen in die Seite stieß.
Ich grinste zurück. Sie freuten sich also auch. Da ich die Gruppe bei früheren Runden beobachtet hatte, konnte ich mir aber auch schon ungefähr vorstellen, wie ihr Plan aussah.
„Hmm … Harkan wird einfach vorstürmen, so wie es die Menschen in meinen Büchern häufiger machen. Aber das macht hier nichts, denn Clerun wird ihn beschützen. Als Drachengeborener ist er deutlich größer und stärker als die anderen. Mirabell kommt bestimmt von der Seite und ist dann gleich wieder weg, bevor man sie erwischen kann“, überlegte ich. „Die Büsche hier sind nicht groß, aber es reicht für Frug, den kleinen Gnom, dass er sie nutzen kann, um sich anzuschleichen. Und William wird sich zurückhalten und kommt dann erst ganz zum Schluss, damit er den letzten Schlag machen darf.“
„Wir sind so weit!“, rief William zu mir hinüber mit einem Grinsen auf dem Gesicht. Kaum dass ich meinen Schild und mein Holzschwert erhoben hatte, stürmten die anderen schon auf mich zu. Harkan kam als Erster bei mir an und legte wohl seine ganze Kraft in den ersten Schlag, sodass ich trotz erhobenem Schild zurücktaumeln musste. Wie ich es mir schon gedacht hatte, kam Mirabell von meiner linken Seite und wollte es ausnutzen, dass ich aus dem Gleichgewicht geraten war. Leider konnte ich nicht rechtzeitig reagieren, und sie verpasste mir einen Hieb gegen den Oberarm. „Aua, das tut weh!“, beschwerte ich mich, doch sie schien mich nicht gehört zu haben. Ich konnte mich genau in dem Moment wieder fangen, als Clerun mich erreichte. Sein Holzschwert verfehlte mich nur knapp und ich setzte mit einem lauten „Rawr!“ schon zum Gegenschlag an. Leider bemerkte ich damals die Finte nicht, die er geplant hatte, und er wehrte meinen Schlag mühelos mit seinem Schild ab.
Trotz des Kampfgetümmels konnte ich mir ein kleines Grinsen nicht verkneifen. Es machte Spaß, mit den anderen endlich mal spielen zu können. Ich stieß ein „Ich werde euch fressen!“ aus, als ich Frugs hinterhältigen Angriff abwehrte, womit er offensichtlich nicht gerechnet hatte.
Einen Augenblick später aber bohrte sich die Spitze eines Holzschwertes von hinten in meine rechte Kniekehle. Mit einem schnellen Blick über die Schulter konnte ich erkennen, dass es zu William gehörte. Die anderen nutzten die Gelegenheit, als ich kurz auf ein Knie zu Boden sank, um mich zu umzingeln und mir den Ausweg zu versperren.
Hastig sah ich mich nach einem Ausweg um. Links von mir waren Harkan und Clerun. „Da komm ich nicht durch“, schoss es mir durch den Kopf, als hinter mir William hämisch lachte. „Vor mir Frug und rechts Mirabell, dazwischen könnt’ ich durch“. Und mit diesem Gedanken sprang ich auf die Beine und lief nach vorne, so schnell ich konnte und ließ dabei sogar meinen Schild liegen. In den Gesichtern der beiden konnte ich erkennen, dass sie damit nicht gerechnet hatten. Doch bevor ich durch die Lücke schlüpfen konnte, packte Clerun mich an meinem Schwanz und zog mich wieder zurück in die Mitte. „Au! Hör auf!“, schrie ich mit Tränen in den Augen, als ich mich herumdrehte, mein Schwert fallen ließ und mit bloßen Fäusten auf die Pranke des Drachengeborenen schlug und versuchte, seinen Griff zu lockern. „Lass los! Das tut wirklich weh!“
Doch er ließ nicht los. Die anderen begannen zu lachen und William meinte: „Das passiert halt mit Monstern. Sie müssen erlegt werden.“
„Ich will kein Monster mehr sein! Ich spiel nicht mehr mit euch! Jetzt lass mich los!“, sagte ich mit zitternder Stimme. Den Tränen nahe versuchte ich weiter meinen Schwanz aus der Umklammerung zu befreien.
William hob sein Schwert. Das Grinsen war noch da, aber seine Augen lachten nicht mit. Und da begriff ich, dass das hier kein Spiel mehr war. Geschockt von der Erkenntnis konnte ich einfach nur mit ansehen, wie er die hölzerne Waffe auf mein Schlüsselbein schlug. Selbst zum Aufschreien war ich in diesem Moment zu gelähmt. Und dann kamen die anderen dazu. Harkan schubste mich zu Boden. Ich kauerte mich zusammen und versuchte mit meinen Armen meinen Kopf zu schützen, während sie nach mir schlugen und traten. „Bitte hört auf“, flehte ich. Doch die anderen lachten nur.
„Monster müssen erlegt werden!“, wiederholte Frug. Ich wollte mich mit ihnen anfreunden, wollte ihre Freundin sein, doch in ihren Augen war ich ein Monster. In mir stieg ein Zorn auf, ich verspürte Hass gegenüber den Kindern, dass sie so grausam waren, aber noch mehr war ich auf mich selbst wütend, dass ich nicht erkannt hatte, was sie über mich dachten.
„Ich muss hier weg! Einfach weg!“ Voll Panik riss ich die Augen auf und versuchte trotz des verschwommenen Blicks eine Möglichkeit zu finden, den Schmerzen zu entfliehen. Doch alles, was ich um mich herum sehen konnte, waren die Stiefel der anderen. Dann bemerkte ich etwas: neben mir am Boden lagen noch mein Schild und mein Schwert. Ich griff hastig danach und schlug damit wild um mich. Irgendjemand wurde am Knie getroffen, ich glaube, es war Frug. Überrascht von der Gegenwehr ließen sie kurz von mir ab. Ich rammte die Kante des Schildes in Cleruns Magen, was ihm kurzzeitig die Luft nahm, und ich krabbelte schnell zwischen seinen Beinen hindurch. Hinter ihm rappelte ich mich schwerfällig auf die Beine und begann zu laufen, so schnell ich konnte. Hätte mein Knie vor Schmerzen damals nicht nachgegeben, wäre William nicht in der Lage gewesen, mich einzuholen. „Bleib hier!“, befahl er, als er mich an der Schulter packte und herumriss. Aus der Drehung heraus versuchte ich, ihm die hölzerne Waffe gegen den Kopf zu schlagen, doch er konnte meinen verzweifelten Angriff noch abwehren.
Ich sah seine Faust auf mein Gesicht zukommen. Im letzten Moment drehte ich den Kopf zur Seite, sodass er nur meine Wange und nicht meine Nase erwischte. Doch bevor er seinen Arm wieder zurückziehen konnte, reagierte ich instinktiv, biss in sein Handgelenk und meine Zähne bohrten sich in seine Haut, vor allem die beiden spitzen Fangzähne. Der Geschmack von Blut war auf meiner Zunge, auch wenn ich mir nicht sicher war, ob es nicht einfach mein eigenes war. William schrie auf und ließ sein Schwert fallen. Doch ich dachte nicht daran, aufzuhören. Warum sollte ich auch? Sie waren ja nicht anders. Sie hatten es verdient. Vor allem er.
Es stieg eine Hitze in mir auf, die ich so noch nie zuvor erlebt hatte. Mein Herz raste und verbreitete das Gefühl durch meinen Körper, hoch durch meinen Hals, über mein Gesicht bis in die Spitzen meiner Zähne.
Flammen so rot wie Blut umschlossen innerhalb kürzester Zeit Williams Arm.
Ich erschrak fast genauso sehr wie er, sodass ich doch den Biss lockerte. Vor Schreck und Schmerz riss William seinen Arm zurück und wedelte wild damit herum. Es war vermutlich mehr aus Panik als ein gezielter Versuch, die Flammen zu löschen. Doch es gelang ihm tatsächlich.
Er blickte mich mit einer Mischung aus Angst und Wut an. „Das Monster hat mich gebissen!“, rief er, als er seinen eigenen Arm umklammerte, der Anzeichen einer leichten Verbrennung zeigte.
Dann lief Abawitan durch die Tür in den Innenhof. Er blickte von William zu mir, bevor er wütend brüllte: „SPLITTER!“
Ich rannte.