Monster
Monster
Meine Hoffnungen, das Dorf noch erreichen zu können, bevor mich der Sturm einholte, waren vergebens. Keine halbe Stunde nach meinem Aufbruch hatte sich der Himmel über dem Blätterdach beinahe vollständig verdunkelt und wurde ab und zu von einem Blitz erhellt. Der Wind, der mir bereits am Tor um die Ohren gepfiffen hatte, zerrte inzwischen kräftig an den Baumkronen und an meinem Umhang. Das Donnergrollen, das ich vorhin noch für weit entfernt gehalten hatte, kam mit jedem Mal ein Stück näher.
„Natürlich“, murmelte ich, als mir der erste dicke Tropfen auf die Wange klatschte. „War ja zu erwarten …“
Kurz darauf prasselte es von allen Seiten. Das Blätterdach hielt zwar noch einiges ab, aber was durchkam, sammelte sich auf den Blättern und fiel in großen, kalten Tropfen herunter, die mir der Wind regelrecht von vorne ins Gesicht peitschte. Dadurch fand der Regen mühelos seinen Weg unter die Kapuze, kroch durch jede Ritze und Naht meiner Kleidung und legte sich kalt auf meine Haut.
Das stete Trommeln des Regens wurde allerdings spielend von einem gewaltigen Donnerschlag übertönt. Sein Krachen hallte zwischen den Bäumen wider und ging in ein lang anhaltendes Grollen über, während der nächste Blitz den Wald für einen Augenblick in grelles Licht tauchte. Mir wurde endgültig klar, dass sich dieses Unwetter nicht so bald verziehen würde.
Ich wog kurz ab, ob ich mich doch noch beeilen sollte, um vielleicht das Dorf noch zu erreichen, bevor ich komplett durchnässt war, doch hielt ich meine Chancen nicht für sonderlich hoch. Vor allem wollte ich es nicht riskieren, dass die Bücher in meinem Rucksack durch die Feuchtigkeit Schaden nahmen. Eilig verließ ich den Weg und machte mich auf, tiefer in den Wald hineinzugehen, in der Hoffnung, eine alte Höhle, einen Felsvorsprung oder Vergleichbares zu finden. Da es aber aufgrund von wilden Tieren nicht ungefährlich war, sich hier durch das Holz zu schlagen, überprüfte ich vorsichtshalber den Riemen, der den Schild mit meinem linken Unterarm befestigte, und umklammerte den Griff mit meiner Hand. Anschließend zog ich meinen Rapier mit der anderen Hand und hielt ihn vor mich, jederzeit bereit, mich zu verteidigen. „Immerhin übertönt der Regen meine Schritte“, ging es mir durch den Kopf, während ich mich vorsichtig durch das Unterholz bewegte. Der aufgeweichte, von Moos und alten Blättern bedeckte Boden gab bei jedem Schritt ein dumpfes Schmatzen von sich, das im Prasseln des Regens beinahe unterging. „Allerdings höre ich dadurch auch die anderen Geräusche schlechter …“ Ein Umstand, der mir zunehmend weniger gefiel.
Je weiter ich in das Waldinnere vordrang, desto lichter wurde das Unterholz. Nur einmal musste ich kurz fluchen, als ich meinen Mantel von dem Strauch befreite, der seine unzähligen, hölzernen Krallen nach mir ausstreckte und mich aufhalten wollte. Wenige Meter später wichen die dichten Dornenranken und Gestrüppe größeren, von Moos und nassen Blättern bedeckten Flächen, zwischen denen sich die alten Baumstämme in die Höhe erstreckten. Das dichte Blätterwerk über mir hielt noch immer einen Teil des Regens ab, doch von wirklichem Schutz vor der Nässe konnte längst keine Rede mehr sein. Ich setzte gerade schon zu einem weiteren Schritt an, als ich innehielt. Da war etwas. Zwischen dem Geruch von nasser Erde, feuchtem Holz und dem unverkennbaren Duft des Regens lag eine andere Note in der Luft. Schwach, beinahe vom Sturm davongetragen. Rauch. Ich hob den Kopf und atmete tief ein. Kein Zweifel, irgendwo in der Nähe brannte ein Feuer. „Ein Waldbrand? Bei dem Unwetter?“ Der Gedanke war kaum zu Ende gedacht, da trug eine Windböe den Geruch erneut zu mir. Diesmal deutlich stärker. Ich änderte meine Richtung und folgte ihm. „Vielleicht sind es auch nur ein paar Abenteurer, die ein Lagerfeuer entfacht haben?“ Nach nicht mal einer Minute bemerkte ich zwischen den Bäumen einen schwachen, orangefarbenen Schein. Ich blieb stehen und spähte durch die Stämme. Dort, zwischen den Bäumen, befand sich der Eingang einer alten Höhle. „Von der Größe her könnte sie einem Bären gehört haben …“, dachte ich mir, als mein Blick auf das kleine Feuer fiel, das direkt hinter dem Eingang brannte und flackernde Schatten warf. Vor dem Regen geschützt, hatten sich daran zwei Personen niedergelassen. Soweit ich erkennen konnte, handelte es sich dabei um einen dunkelhaarigen Menschen in einfacher Kleidung und einen blonden Elfen oder Halb-Elfen, der zumindest eine schlichte Lederrüstung trug.
Ich seufzte etwas, als ich meine Kapuze tiefer ins Gesicht zog. Gerne wäre ich anderen Personen länger aus dem Weg gegangen, da dies nur zu Problemen führte. Und recht sollte ich behalten … Mit gesenktem Kopf setzte ich mich langsam in Bewegung und näherte mich dem Höhleneingang. Hörbar und mit gesenktem Rapier, ich wollte nicht den Eindruck erwecken, ich würde die beiden überfallen wollen. „Guten Tag, Reisende“, erhob ich die Stimme, als ich zwischen den Bäumen hervortrat und zu ihnen hinüber rief. „Sagt, habt ihr vielleicht einen Platz für mich an eurem Feuer übrig?“ Trotz meines Versuches, meine Stimme und mein Auftreten ruhig und unbedrohlich wirken zu lassen, erschrak der Mensch, sprang auf und zog seine Axt vom Gürtel. Der Halb-Elf, wie ich jetzt feststellen konnte, richtete sich ebenfalls auf, wirkte aber gelassener als sein Kumpane, hielt trotzdem einen Kurzbogen in der linken Hand. Mit einer einladenden Geste seiner rechten Hand zeigte er auf das Feuer und den Höhleneingang. „Aber natürlich, kommt näher und wärmt euch doch. Leider können wir aber nichts zum Essen anbieten, wir haben selbst nur genug für uns.“ Ich trat näher auf die Höhle zu, als der Dunkelhaarige gerade etwas erwidern wollte, doch der Halb-Elf kam ihm zuvor. „Mein Name ist Ramira, und das hier ist mein Freund Drack. Wir sind selbst einfache Abenteurer, aber hatten in letzter Zeit nicht viel Glück auf unserer Suche.“ Er legte Drack beruhigend eine Hand auf die Schulter und setzte sich mit ihm zusammen wieder ans Feuer.
„Danke.“ Ohne den beiden in die Augen zu schauen, trat ich unter den schützenden Felsen, um vor dem Regen zu entfliehen. „Ich hatte gehofft, ich könnte noch das Dorf erreichen, bevor mich der Sturm einholt, aber da hatte ich die Strecke wohl unterschätzt.“ Ich stand mit dem Rücken zu den beiden, nahm den Rucksack von den Schultern und lehnte ihn gegen die Steinwand, griff nach den beiden in Stoff eingewickelten Büchern und stellte zu meiner Erleichterung fest, dass der Regen noch nicht durch das Leder ins Innere gelangt war und das Papier unversehrt war. „Ach, auf dem Weg nach Baldora? Wir kommen gerade aus der Richtung, als wir ebenfalls vom Regen überrascht worden sind. Und was macht eine junge Frau ganz alleine hier draußen?“, meinte Ramira.
„Ich bin auf der Suche nach einem alten Bekannten, einem Halbling namens Jackson, da ich ein paar Fragen an ihn habe…“ Es war jetzt nicht direkt gelogen, aber auch nicht ganz die Wahrheit. Aber den Tüftler aufzusuchen könnte zumindest eine erste Anlaufstelle sein, da er durchaus befreundet mit Abawitan war. „Ich weiß leider nicht, wo er lebt, aber ich hoffe, dass jemand in Baldora mir weiterhelfen könnte.“ Mit etwas Abstand zu den beiden ließ ich mich ebenfalls am flackernden Feuer nieder, während das Holz darin knisterte und knackte und der Wind kleine Funken aufwehte. Ich versteckte meine Hände unter den Achseln, zum Teil weil ich sie verbergen wollte, aber auch, da mir im Regen kalt geworden war und ich sie so aufwärmen wollte. Dabei hielt ich meinen Blick gesenkt, um mein Gesicht unter der Kapuze verbergen zu können.
Ich spürte Ramiras Blick auf mir. „Ah, ich verstehe. Tut mir leid, aber der Name sagt mir leider nichts.“ „Schon gut, davon bin ich jetzt auch nicht ausgegangen. Danke trotzdem“, erwiderte ich. Um nicht weiter auf das Thema eingehen zu müssen, ließ ich meinen Blick durch den Höhleneingang und über das Gepäck – zwei Rucksäcke aus Leder, eine einfache Umhängetasche und einen Leinensack – schweifen, das die Reisenden in ihrer Nähe eher achtlos auf den Boden geworfen hatten. Irgendetwas daran bereitete mir Unbehagen, aber zu dem Zeitpunkt konnte ich noch nicht sagen, was genau.
Vor der Höhle prasselte der Regen unverändert weiter, der Donner grollte, und es sah nicht danaus aus, als würde es in den nächsten Minuten aufhören. Erschrocken durch einen besonders lauten Knall sprang Drack auf und stieß dabei den Leinensack in seiner Nähe um. Ein Lederbeutel fiel heraus, der sich halb öffnete, und eine gute Handvoll Münzen und Schmuckstücke fielen daraus hervor und verteilten sich auf dem Boden. „Mann, entspann dich doch endlich mal!“, sagte Ramira genervt zu ihm, als er begann, die Gegenstände wieder einzusammeln. „Verdammtes Dreckswetter!“, murmelte Drack und half seinem Gefährten dabei, die Sachen wieder in den Beutel zu packen. Da ich nicht in der Nähe davon saß, machte ich auch keine Anstalten ihnen dabei zu helfen. Es war ja auch immerhin deren Hab und Gut.
„Das ergibt irgendwie keinen Sinn…“, dachte ich mir, als ich sie dabei beobachtete, wie sie die Münzen zurück in den Beutel steckten. Dann bemerkte ich endlich, was mir Unbehagen bereitete. Und anscheinend stand mir meine Erkenntnis ins Gesicht geschrieben, denn Ramira stieß Drack mit dem Ellenbogen in die Seite, der daraufhin direkt seine Axt erhob und auf mich zuspringen wollte. Ich konnte mich gerade noch im letzten Moment zur Seite wegrollen, bevor die schartige Axt dort gegen den Stein schlug, wo ich zuvor noch saß. Mit einer schnellen Bewegung schnappte ich mir meinen Schild vom Boden und zog meinen Rapier und blickte die beiden grimmig an. „Banditen!“, fluchte ich.
„Was hat uns verraten, junge Dame?“, sagte Ramira gehässig, als er sich ebenfalls aufrichtete, sich halb hinter Drack positionierte und einen Pfeil aus seinem Köcher zog und an seinem Bogen anlegte.
„Ich muss zugeben, es hat ein bisschen gedauert. Aber eure Geschichte hatte ein paar Lücken: vom Regen erwischt worden – dennoch ist eure Kleidung trocken, angeblich kein Glück gehabt in letzter Zeit – trotzdem einen Beutel voll mit Silber und Schmuck. Dazu noch eure Ausrüstung, die Waffen schartig und voll mit getrocknetem Blut, keine Zelte oder Ähnliches – welcher Reisende oder Abenteurer würde so unterwegs sein, trotz der Münzen im Gepäck.“
„Gib uns dein Geld, deine Rüstung und den Rapier und wir lassen dich vielleicht laufen!“, knurrte Drack. „Es ist zwei gegen einen, du bist im Nachteil.“
Mit einem geschulten Blick musterte ich die beiden. Ramiras Haltung verriet mir, dass er durchaus etwas Erfahrung hatte und vermutlich relativ präzise mit seinem Bogen sein würde. Dracks Beinhaltung hingegen war mangelhaft, kein sicherer Stand. Der Plan war klar, den Axtschwinger zwischen mir und dem Schützen zu lassen. Ich schüttelte meinen Kopf etwas, sodass die Kapuze nach hinten rutschte und mein Sichtfeld nicht eingeschränkt war. „Du verdammter Teufel!“, rief Drack, als er erneut zum Angriff ausholte und auf mich zulief. Ich fing die Klinge der Axt mit meinem Schild ab und machte zeitgleich einen kleinen Schritt zur Seite, sodass Ramira kein freies Schussfeld hatte. Die Klinge meines Rapiers zischte einen Augenblick später nach vorne, um seine Brust zu durchdringen, aber er konnte gerade noch im letzten Moment zur Seite springen, sodass ich nur einen Schnitt durch sein Hemd ziehen konnte. Hinter Drack kam seitlich Ramira mit gespanntem Bogen hervor und ich reagierte gerade noch rechtzeitig und der Pfeil verfehlte meine Brust und zersplitterte irgendwo hinter mir an der Felswand.
„Jetzt!“, rief der Mensch, als er seine Axt am Rand meines Schildes einhakte und es zur Seite ziehen wollte. Ich versuchte noch, dagegenzuhalten, allerdings hatte er mehr Kraft und einen besseren Hebel, und ich hatte keine Gelegenheit, den Riemen um meinen Unterarm zu schließen, sodass er meine Deckung ohne Probleme auflöste. Bevor ich darauf reagieren konnte, kam schon ein weiterer Pfeil geflogen und ich konnte nicht mehr ausweichen. Ich schrie auf, als sich der Pfeil in meinen rechten Oberschenkel bohrte und ich konnte spüren, wie die Wut in mir aufstieg. Drack nahm eine seiner Hände vom Stiel der Axt und griff nach dem Rand meines Schildes, und riss heftig daran. „Da hast du!“, fauchte ich ihn an und ließ den Schild los, was ihn überraschte, sodass er nach hinten taumelte. Im gleichen Moment stach ich mit meinem Rapier nach seinem Unterschenkel, um ihn komplett zu Fall zu bringen. Mit einem lauten Aufschrei ging er rücklings zu Boden und landete genau in dem noch brennenden Lagerfeuer.
„Verreck, du Dämon!“, rief Ramira, der ein paar Schritte zurück machte, um das Feuer zwischen uns zu haben und einen weiteren Pfeil aus seinem Köcher fischte. Sein Kumpane wollte sich gerade aus dem Feuer erheben. Bevor er den Bogen spannen konnte, lief ich direkt auf ihn zu. Anstatt um das Feuer herumzulaufen, nahm ich den direkten Weg hindurch. Mit einem Satz setzte ich einen Stiefel auf Dracks Brust und stieß mich von ihm ab, um auf Ramira zuzuspringen, wodurch der Mensch wieder ins Feuer zurückgedrückt wurde. Sein Fluchen ging in einem lauten Schmerzensschrei unter, und Funken stoben hoch. Doch ich ignorierte die Hitze. Mein Ziel war vor mir. Mit erhobenem Rapier stürzte ich auf den Schützen zu, durchbohrte seinen Bauch und kam einen Schritt vor ihm zu stehen. Erst dann merkte ich den stechenden und brennenden Schmerz in meiner linken Seite. Als letzte, panische Reaktion hatte er seinen Bogen fallen gelassen und einen Dolch gezogen, den er mir unter meiner Achsel in die Seite gerammt hatte.
Der Schmerz brannte heiß zwischen meinen Rippen – und mit ihm kam die Wut. Irgendetwas reagierte in mir. Etwas, das hinauswollte. Die Hitze des Lagerfeuers war nichts dagegen. Es kam nicht von außen. Es breitete sich in meiner Brust aus und kroch wie flüssiges Feuer durch meine Adern. Ramiras Blick veränderte sich. Der Triumph in seinem Gesicht verschwand schlagartig und wich blanker Angst. Ich griff nach seinem Handgelenk und umklammerte es so fest, dass sich meine Fingernägel wie Krallen in sein Fleisch bohrten. Doch anstatt den Dolch herauszuziehen, hielt ich seine Hand fest. Die Hitze pulsierte tief in meiner Brust und schoss von dort durch Schulter und Arm bis in meine Fingerspitzen. Dann brachen tiefrote Flammen hervor. Sie schlugen über meine Hand auf ihn über, züngelten seinen Unterarm hinauf, erreichten seine Schulter – und im nächsten Augenblick stand sein ganzer Körper in Flammen. „Du Monster!“, schrie er voller Furcht. Er ließ den Griff des Dolches los, während er verzweifelt versuchte, sein Handgelenk aus meinem Griff zu reißen. Ich drückte noch fester zusammen.
Ich hasse es, wenn man mich ein Monster nennt.
Das konnte ich noch nie leiden!