Nächtliche Lektüre
Nächtliche Lektüre
Schwerfällig öffnete ich wieder meine Augen. Für einen Herzschlag wusste ich nicht, wo ich war – ein schwaches Glimmen der erlöschenden Glut vor mir, der raue Stein in meinem Rücken, der Geruch von nassem Rauch, verbranntem Fleisch und Haaren und feuchter Erde. Als ich blinzelte, um mich wieder zu orientieren, klebten meine Lider leicht zusammen und meine Wange fühlte sich klamm an. Ich tastete die Stelle mit meinen Fingerspitzen ab und wusste sofort, was es war, bevor ich es mir eingestehen wollte. Tränen.
Rasch wollte ich mir mit dem Ärmel über das Gesicht wischen, doch ein stechender Schmerz fuhr durch meine linke Seite und riss mich vollends ins Wachsein zurück. Die Höhle. Ramira und Drack. Ich biss die Zähne vor Schmerz zusammen und blickte die Stelle an. Bevor ich mich hingesetzt hatte, war ich wohl noch damit beschäftigt gewesen, einen einfachen Verband über die Brust und Schulter zu wickeln. Um meinen Oberschenkel war ebenfalls ein Stück Stoff gewickelt und neben mir lag ein blutiger Pfeil am Boden. Nach meiner Versorgung hatten mich wohl die Erschöpfung und der Schmerz übermannt und ich war eingeschlafen.
Mühsam rappelte ich mich auf, ging auf den Höhleneingang zu und blickte nach draußen: der Sturm war wohl schon seit einer Weile weitergezogen und auch der Regen hatte, abgesehen von einem leichten Nieseln, nachgelassen. Die Dämmerung war bereits hereingebrochen, und zwischen den auseinanderdriftenden Wolken blinzelten schon die ersten Sterne hervor.
Dann fiel mein Blick auf die beiden Leichen in der Höhle. Ramira lag noch dort am Boden, wo er zusammengesackt war. Seine Kleidung war zum Teil verbrannt, und wo sie fehlte, war die Haut an manchen Stellen von prallen Blasen übersät, an anderen dunkel, ledrig und aufgeplatzt. Was vom Stoff übrig war, klebte an ihm fest.
Anschließend zwang ich mich dazu, zu Drack zu blicken. Er lag unverändert in der Feuerstelle. Die Haut war an mehreren Stellen aufgerissen und schwarz verkohlt. Seine Gliedmaßen waren angewinkelt, die Fäuste vor die Brust gezogen, als wollte er sich noch immer gegen etwas wehren. Die Lippen waren zurückgewichen, die Zähne entblößt, als würde er schreien. Der süßlich-fettige Geruch, der von ihm aufstieg, war durchzogen vom beißenden Gestank verbrannter Haare.
Speichel sammelte sich in meinem Mund, dünn und säuerlich, und mein Magen hob sich. Ich musste hart schlucken, um mich nicht zu übergeben.
Es war das erste Mal, dass ich ein Leben beendet hatte. Oft hatte ich mir ausgemalt, es den Helden der Geschichten und Erzählungen gleichzutun und die Herzen von Monstern zu durchbohren.
Auch den Kampf gegen bewaffnete Gegner hatte ich geübt: Stunde um Stunde an Übungspuppen, später in einigen wenigen Duellen gegen die Jägerlehrlinge, die glaubten, leichtes Spiel mit mir zu haben – öfter wollte ich mein Glück nicht herausfordern. Das hatte ich beim „Spiel“ mit William und den anderen gelernt. Die Lehrlinge ließen mich aber spüren, dass es für sie nie nur ein Übungskampf war. Allerdings war ich wendiger und schneller als die meisten, und kaum hatte ich gewonnen, war ich auch schon verschwunden. Und dann waren da noch Jacksons Konstrukte, alleine, Abend für Abend.
Doch nun stand ich zwischen den beiden Toten. Keine Puppe und kein Konstrukt hatte je geblutet oder geschrien. Ich stand und hatte Angst. Angst davor, dass ich kein Mitleid empfunden hatte. Angst davor, dass ich keine Sekunde gezögert hatte, Drack ins Feuer zurückzutreten oder Ramira aufzuspießen. Und schlimmer noch: ich hatte die Flammen nicht nur emporzüngeln lassen.
Ich hatte es gewollt.
Vielleicht hatten sie recht.
Es dauerte ein paar Momente, bevor ich mich wieder bewegte. Ich kniete mich neben Ramira nieder. Abgesehen von einer Handvoll Silber- und Kupfermünzen waren die Reste seiner Taschen leer. Den Dolch, den ich mir aus der Seite gezogen haben musste und an dem immer noch mein Blut klebte, säuberte ich, so gut es ging, an seinem Hosenbein. Es konnte sicherlich nicht schaden, noch eine zweite Nahkampfwaffe für den Notfall zu haben. Sein Bogen, der neben ihm am Boden lag, machte zwar einen etwas ramponierten, aber durchaus noch brauchbaren Eindruck. Ich löste die Sehne vom unteren Wurfarm, um sie zu schonen, und nahm der Leiche auch noch den angesengten Köcher ab. Darin befanden sich noch elf Pfeile, die das Feuer weitestgehend überstanden hatten. Die Axt von Drack war zwar etwas schartig, würde aber zumindest noch reichen, um Holz zu spalten. Zu meiner Erleichterung stellte ich aber fest, dass mir diese Arbeit schon abgenommen worden war und mehrere Scheite bereitlagen.
Damit ich aber das Feuer wieder entfachen konnte, musste die Leiche des Menschen erst mal aus der Feuerstelle herausgezogen werden. Ich holte einmal tief Luft, hielt den Atem an, packte die Beine von Drack und zerrte daran. Die Wunde zwischen meinen Rippen beschwerte sich spürbar über diese körperliche Tätigkeit. Ich zog ihn bis zur Höhlenwand, an der auch Ramira lag. Erst als ich mich einige Schritte entfernt hatte, erlaubte ich mir, wieder zu atmen. Mit einer Decke aus dem Hab und Gut der Banditen bedeckte ich die beiden Körper, sodass sie nicht mehr direkt zu sehen waren. Nachdem die Feuerstelle frei war, legte ich dünnere Äste und Holzstücke auf die Glut. Als die ersten Flammen emporzüngelten, folgten einige der Scheite.
Ich legte Bogen, Köcher und Axt neben meinen Rucksack auf den Boden und wandte mich den anderen Dingen der beiden Banditen zu. Als Erstes untersuchte ich den kleinen Lederbeutel mit den Münzen und dem Schmuck – vermutlich die Ausbeute ihres letzten Überfalls? Der Schmuck war einfach gearbeitet und verfügte über keine besonderen Gravuren oder Schmucksteine. Abgesehen von ein wenig Proviant hatten die beiden aber sonst nur Decken und Wechselkleidung dabei. Aus Ramiras Gepäck fischte ich ein Hemd hervor, das noch halbwegs sauber aussah, und schnitt es mit dem Dolch in Streifen, um den provisorischen Verband wechseln zu können. Dracks Sachen zog ich nicht einmal in Erwägung, um damit eine Wunde abzubinden.
Da ich mich aber immer noch zu angeschlagen fühlte, um in der Nacht weiterzureisen, entschied ich mich, zumindest bis zum nächsten Morgen noch in der Höhle zu verbringen. Aber anstatt mich wieder auf den blanken Stein zu setzen, breitete ich meine Schlafmatte aus und nutzte meinen Rucksack als Polster gegen die Steinwand.
Ich griff nach einem der beiden Bücher, die ich zuvor aus meinem Rucksack geholt hatte, und wickelte es aus seinem Stoff aus. Es war etwas dicker und in Leder gebunden, und die Klappen hatten leichte Verzierungen in silberner Farbe darauf eingezeichnet, welche am Rand geschwungene Linien und kleine Schnörkel bildeten. Mittig auf der Vorderseite und dem Buchrücken war das stilisierte Symbol des Ordens eingeprägt, der Schild mit dem gen Himmel gerichteten Schwert, dessen Klinge in Feuer steht.
Auf der ersten Seite stand in schöner Schrift geschrieben: „Die Wege der Jagd, von Frodahar Laisimar“. Ich zögerte noch für einen Augenblick, atmete tief durch und begann darin zu lesen.
Die Wege der Jagd, von Frodahar Laisimar
Durch das Ritual des „Jägerfluchs“ wird das Blut des Jägers für Hemocraft geöffnet – eine Macht, die ihre Energie direkt daraus bezieht und ihm dadurch verschiedene Kräfte verschafft. Der Legende nach geht sie auf das Wissen eines Schwarzmagiers oder Nekromanten zurück, das frühe Streiter gegen die Bestien der Dunkelheit sich einst aneigneten und für die Jagd umformten – aus ihrem Kreis ging später der erste Blutjäger-Orden hervor. Bis heute wird der Jägerfluch daher nur einem Anwärter gewährt, der sich über Jahre bewiesen hat, und stets im Beisein eines erfahrenen Blutjägers vollzogen, da ein unvorbereiteter Körper und Geist der Macht sonst nicht standhält.
Die wohl verbreitetste und bekannteste Anwendung ist der „Blutrote Ritus“, bei dem die Waffe damit überzogen wird. Aufgrund der darin gespeicherten Lebensenergie lässt sich so eine Klinge mit verschiedenen Elementar-Effekten aufladen. Am einfachsten – und deswegen vor allem bei jungen Jägern beliebt – sind die drei gängigen arkanen Elemente, auf die auch Magier und andere Magiebegabte gerne zurückgreifen: Feuer, Blitz und Eis. Die Ursache ist relativ einfach nachvollziehbar: diese Elemente sind in der Natur allgegenwärtig. Mit mehr Übung lassen sich auch andere Kräfte anwenden. Jäger, die es sich als Fokus gesetzt haben, gegen Geister, Untote und anderes Gezücht der Nacht zu kämpfen, können sogar auf das gleißende Licht der Sonne zurückgreifen.
Ein weiterer Aspekt von Hemocraft sind die sogenannten Blutflüche. Hier gibt es mehrere verschiedene Anwendungsmöglichkeiten. So kann man den Gegner kurzzeitig blenden, um dessen Angriffe abzuschwächen. Alternativ kann man damit ein Gespür für das Pulsieren in den Adern umstehender Kreaturen entwickeln und so Schwachstellen des Gegners leichter aufspüren: An Stellen, an denen die Panzerung – sei es durch Rüstung oder auf natürliche Weise, etwa durch Schuppen oder dicke Haut – dünner ist, lässt sich das Blut darunter deutlicher wahrnehmen. Durch das Beisteuern des eigenen Blutes lassen sich die Effekte zusätzlich verstärken.
Ich las noch etwas weiter und blieb vor allem bei dem Blutroten Ritus hängen, aber auch bei einem der einfachen Blutflüche, mit dem man den Gegner kurzzeitig blenden kann. „Danke, Großvater“, flüsterte ich zu mir selbst. Bei dem Gedanken, dass er all das Wissen für mich zusammengetragen hatte, um eine richtige Blutjägerin werden zu können, kamen mir leicht die Tränen und ich musste lächeln. Doch dann fiel mein Blick auf die Decke an der gegenüberliegenden Höhlenwand und ich fragte mich, ob er mir das Buch und das Wissen auch gegeben hätte, wenn er mich heute gesehen hätte …
Ich warf noch weitere Scheite ins Feuer, wickelte das Buch wieder ein und machte es mir auf meiner Schlafmatte bequem. Ich blickte noch eine Weile in die Flammen, die flackernde Schatten an die Wände der Höhle warfen. Meine Gedanken kreisten um den Kampf, das Gelesene und meinen Großvater und es dauerte zum Glück nicht lange, bis die Müdigkeit mich überkam und ich einschlief.