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Die Bibliothek

Die Bibliothek

Wütend wurde die Tür aufgerissen, sodass die Kerzen leicht flackerten und schon drohten zu erlöschen. „Wo ist sie?“, verlangte er zu wissen. Der alte Mann legte ruhig seine Feder zur Seite und drehte sich zu dem aufgebrachten Elfen in seinem Türrahmen um. „Wie bitte? Worum geht es denn?“
„Du weißt genau, was ich meine: Splitter! Sie hat Herrn von Geiersteins Sohn in den Unterarm gebissen und dann stand die Haut des Jungen in Flammen!“
„Wie schlimm war es?“, fragte er mit Sorge in der Stimme. „Es sind zum Glück nur kleinere Brandwunden übrig geblieben, die bald verheilen werden.“
„Aber wenn nichts Schlimmeres passiert ist, warum bist du dann so aufgebracht?“ Der ältere Elf drehte sich wieder dem Buch mit der frischen Tinte zu und pustete etwas darüber, damit es schneller trocknete. Daneben auf dem Tisch warteten schon das Werkzeug zum Prägen und ein Töpfchen mit silberner Farbe darauf, dem noch schlichten Ledereinband später seine Verzierungen zu verleihen.
„Es hätte genauso gut weitaus schlimmer enden können. Jetzt sitzt mir sein Vater im Nacken und verlangt, dass sie bestraft wird.“
„Sie soll bestraft werden, weil sie sich gewehrt hat?“ Er klang fast amüsiert. „Ich habe vom Fenster im Flur aus zwar nicht alles gesehen, aber sie hat genau richtig reagiert. Sie hatte versucht, sich von den anderen Kindern, die sie schikaniert hatten, zu entfernen. Erst als dieser William ihr nachgesetzt war und sie geschlagen hatte, sah sie keinen Ausweg mehr und musste sich eben mit den Mitteln verteidigen, die ihr zur Verfügung standen. Du weißt genauso gut wie ich, welche Kräfte ihrem Blut innewohnen.“ Er klappte das in schwarzes Leder gebundene Buch zusammen und erhob sich von seinem Stuhl. „Und wenn der werte Herr von Geierstein meint, sie müsse immer noch bestraft werden“, sagte er, während er seine lange Robe zurechtrückte und sich etwas vor Abawitan aufbaute, „dann darfst du ihn zu mir schicken. Gerne kläre ich mit ihm, ob meine Enkelin wirklich bestraft werden muss.“
Abawitan hielt dem Blick stand, und obwohl er größer und stärker war als sein Schwiegervater, hatte er dennoch Respekt vor ihm. „Nun gut, Großmeister Frodahar, ich werde es ihm mitteilen.“ Und mit diesen Worten schritt er davon und zog hörbar die Tür hinter sich zu.

Seufzend setzte sich der alte Elf wieder auf seinen Stuhl. Leise knarzend öffnete sich eine Tür im Schrank neben seinem Arbeitstisch. Doch Frodahar drückte die Tür mit seinem Schuh zu, bevor sie sich weiter öffnen konnte, und wandte sich wieder seinem Schreibtisch zu. Ein paar Augenblicke später blickte Abawitan nochmals in das Arbeitszimmer hinein. „Arbeitest du an den Büchern, die Mia’Karna haben will?“
Frodahar nickte müde. „Ja, ich bin aber gerade noch am ersten. Es ist mehr Arbeit, als ich erwartet hatte, wird also noch einiges an Zeit in Anspruch nehmen.“
„Ich verstehe. Danke.“ Und die Tür fiel mit einem leichten Klicken wieder ins Schloss.

Nach ein paar Sekunden sagte mein Großvater: „Jetzt kannst du rauskommen.“ Er hatte mich bereits an der Tür seines Arbeitszimmers abgefangen, kaum dass ich die Kellertreppe runtergestürzt war, und ohne ein Wort in das unterste, bereits geöffnete Fach seines Schranks geschoben. Zusammengekauert hatte ich jedes Wort mitgehört. Jetzt drückte ich die Tür wieder auf und krabbelte daraus hervor. „Danke, dass du mich nicht verraten hast. Bin ich in großen Schwierigkeiten, Großvater?“ Mit geröteten Augen blickte ich zu ihm hoch.
„Ich sehe keinen Grund, warum du es sein solltest. Du hast dich nur verteidigt und das ist dein gutes Recht.“ Er tätschelte mir den Kopf, als er das sagte.
„Aber was war das mit dem Feuer? Und was meintest du mit den Kräften in meinem Blut?“ Verwirrt blickte ich auf meine Hände und Unterarme und drehte sie etwas, so als ob ich dort eine Antwort auf diese Fragen finden würde.
„Dieses Feuer ist eine Gabe deines Vorfahren. Du kannst es als einen natürlichen Schutz verstehen, der den Angreifer dafür bestraft, dich verletzt zu haben.“
„Ich war auf einmal so wütend. Ich wollte es. Ich wollte ihm wehtun. Bin ich ein Monster?“ Meine Stimme zitterte etwas bei dem Gedanken, dass die anderen Kinder recht haben könnten.
Er ging in die Knie und umarmte mich, während er mir durchs Haar strich. „Nein, du bist kein Monster. Du bist meine liebe, wissbegierige Enkelin.“ Ich vergrub mein Gesicht in seiner Schulter. Als er sich nach ein paar Momenten wieder aufrichten wollte, klammerte ich mich an seine Robe. „Wie wär’s, ich geh mit dir runter in die Bibliothek, wir suchen dir ein schönes Buch zum Lesen heraus und du leistest mir hier in meinem Arbeitszimmer etwas Gesellschaft?“

Selbst in den wärmsten Sommertagen war es im Keller des Hauses immer angenehm kühl. Vor der Tür des Arbeitszimmers blickte ich schnell nach links zur Treppe hoch ins Erdgeschoss und rechnete halb damit, dass jeden Moment Abawitan oder William und sein Vater die Treppe herunterkämen, doch es blieb ruhig. Gegenüber war die Tür zum Lagerraum, in dem überwiegend Lebensmittel aufbewahrt wurden. Eilig folgte ich meinem Großvater nach rechts weiter ins Kellergewölbe hinein, wobei unsere Schritte von den steinernen Wänden widerhallten. An der stets verschlossenen Waffenkammer gingen wir vorbei, sowie einer anderen, mit schwerem Eisen beschlagenen Holztür, von der ich nicht wusste, was sich dahinter verbarg. Meine Fragen, was sich dahinter befand, wurden selbst von meinem Großvater immer ignoriert oder abgetan mit „Eines Tages wirst du es erfahren.“
Wir erreichten den verzierten Eingang zur Bibliothek, den Frodahar für mich öffnete. Ich ging hinein und direkt ans Geländer, der Geruch von altem Papier und Staub kam mir entgegen, als ich nach unten blickte. Die Bibliothek erinnerte mich früher immer an eine Art umgekehrten Turm. Das oberste und mittlere Stockwerk verfügten über eine umlaufende Galerie, sodass man an die Brüstung treten und bis ins Unterste der drei Stockwerke blicken konnte. Auf allen drei Etagen waren in die Wände hölzerne Bücherregale eingelassen, welche teilweise wie ein halbes Hexagon aus der Wand herausragten, um mehr Platz für Bücher zu bieten. Weitere Regale befanden sich verteilt in der untersten Ebene. Zudem gab es noch Nischen in den Ecken und zwischen den Bücherregalen, in denen Bücher, teilweise einzelne, hinter Gittern verschlossen waren. Erleuchtet wurde die Bibliothek von magischen Kristallen, die ein blaues Licht von sich gaben. Links und rechts vom Eingang ragten in den Ecken der Galerie Wendeltreppen in den offenen Innenraum hinein. Von jeder Etage aus führten niedrige Gewölbegänge zu den Seiten tiefer in den Fels, zu Nebenräumen mit eigenen Sammlungen, zum Beispiel Kräuterkunde, Bestiarien, Ordenschroniken und ein Archiv mit alten Karten.
„Darf ich heute eines der bösen Bücher lesen?“ Mit großen Augen blickte ich meinen Großvater an. Mit den ‚bösen Büchern‘ meinte ich die, die hinter den Eisengittern verschlossen waren. Frodahar lachte kurz auf, als ob er nur auf die Frage gewartet hätte, und schüttelte den Kopf. „Nein, darfst du nicht. Die sind nichts für kleine Mädchen.“ Auf meinen Schmollmund reagierte er nur mit einem Tätscheln auf den Kopf. „Eines Tages vielleicht.“

Einige Zeit später waren wir zurück in seinem Arbeitszimmer. Er saß wieder auf seinem Stuhl am Tisch, tunkte die Feder erneut in die Tinte und führte sein Werk fort. Ich kam aber gar nicht dazu, ihn zu fragen, was er da gerade schrieb. Selbst das Kratzen seiner Feder nahm ich nur am Rande wahr. Ich war zu sehr abgelenkt von dem Buch, das ich mir mitgenommen hatte. Es handelte von einem Forscher und Erkunder, der tief in den verschneiten Bergen weit im Norden auf einen Stamm von Riesen und Zyklopen stieß. Er hatte seine Erlebnisse niedergeschrieben: wie er es nicht schaffte, friedlich mit ihnen in Kontakt zu treten, da er ihre Sprache nicht verstand; aber im darauffolgenden Kampf konnte er sie mit seiner Standhaftigkeit und Ausdauer wohl beeindrucken, sodass sie ihn nicht töteten und fraßen, sondern vorübergehend bei sich aufnahmen.