Alle Kapitel

Verschwinde und komm nie wieder

Verschwinde und komm nie wieder

„Verschwinde und komm nie wieder. Ich will deinen Anblick nicht länger ertragen müssen.“ Dies waren die letzten Worte, die mein Vater zu mir sagte, als er die schwere, mit Eisen beschlagene Eingangstür hinter mir zuschlug. Es war nicht das erste Mal, dass ich so etwas von dem Elfen gehört hatte, unter dessen Dach ich die letzten zwanzig Jahre aufgewachsen war. Meine ganze Existenz war nichts als eine Schande für ihn und für den Namen des Hauses Ahmaithja gewesen. Das hatte er mich des Öfteren erfahren lassen, durch seine Worte, insbesondere aber auch durch seine Taten. Doch ich hatte das Gefühl, dass es dieses Mal anders war – anstatt dass er wie sonst mit Abscheu von oben auf mich herabblickte, wie auf einen Hund, den man getreten hatte, weil er versucht hatte, das Essen vom Teller zu stehlen – bildete ich mir ein, einen Funken Mitleid in seinen Augen gesehen zu haben, wenn auch nur für den Bruchteil einer Sekunde.

Ich klopfte nicht an die Tür, bettelte nicht, wieder in das Anwesen eingelassen zu werden. Seit dem Tod meiner Mutter vor gut zwei Jahren hatte ich daran gedacht, diesem Ort den Rücken zu kehren, der nichts als Abneigung und Verachtung für mich übrig hatte. Einzig wegen meines Großvaters war ich doch noch geblieben. Nicht mal eine Stunde zuvor hatte mein Vater zu mir gesagt: „Pack deine Sachen!“ Also nahm ich meinen Rucksack, befestigte Zelt und Schlafmatte daran, füllte ihn mit etwas Proviant und Kleidung. Die Lederrüstung war mit geübten Handgriffen angelegt, der Gürtel mit dem Rapier in der Scheide umgeschnallt. Neben einem einfachen Schild rundete der alte Reisemantel meiner Mutter meine Ausrüstung ab.
Zu guter Letzt nahm ich die Bücher, die mir mein Großvater hinterlassen hatte, als er vor wenigen Wochen gestorben war. Bisher hatte ich es noch nicht übers Herz gebracht, sie aufzuschlagen. Sorgfältig wickelte ich sie in je ein Tuch und verstaute sie behutsam in meinem Rucksack. Mit ihm war auch der letzte Grund gegangen, noch zu bleiben.

Der Kies knirschte unter meinen Stiefeln, als ich die Stufen des schweren Eingangsportals hinab in Richtung des gusseisernen Tors in der Steinmauer schritt, die das weitläufige Gelände umfasste und eingrenzte. Die kunstvoll geschwungenen Stacheln darauf erschwerten das Erklimmen der knapp drei Meter hohen Mauer deutlich, machten es aber nicht unmöglich, wie ich aus eigener Erfahrung nur zu gut wusste. Allerdings waren sie nicht angebracht worden, um andere draußen zu halten – sondern mich drinnen.

Der Wind brachte die Blätter in den Bäumen zu beiden Seiten des Pfades zum Rascheln, ein Vorbote eines Unwetters, das spätestens zur Mittagsstunde eintreffen würde. Bevor ich das Landhaus aber hinter mir lassen konnte, erreichte ich die Gabelung im Weg, die zu den Stallungen abzweigte. Aus diesen trat gerade der Stallknecht hervor, ein stämmiger, aber hinkender Zwerg namens Bregor, mit einem geflochtenen, orangefarbenen Bart, der ihm bis zum Bauch reichte. Zum Ausgleich für seinen langen Bart hatte er dafür aber umso weniger Haare auf dem Kopf, denn die Pferde hatten sich bereits häufiger einen Spaß daraus gemacht, ihm über den Holzverschlag ihrer Boxen hinweg die Frisur abzukauen.

Bregor bückte sich schwerfällig, als ob ihm etwas zu Boden gefallen wäre, doch einen Wimpernschlag später griff er sich einen größeren Stein vom Weg und schleuderte ihn direkt auf meine Schläfe. Ich bemerkte es nicht nur rechtzeitig, ich wusste schon, was sein Plan war, sodass ich einen schnellen Schritt zur Seite machte. Der Stein verfehlte meinen Kopf um eine Armlänge und landete mit einem dumpfen Klang im Kies hinter mir. „Netter Versuch, Glatzkopf. Früher hättest du mich damit noch erwischen können, aber mittlerweile schon längst nicht mehr. Pass auf, nicht, dass du wieder von einem Pferd getreten wirst!“, rief ich zu ihm hinüber und setzte ruhig meinen Weg fort, das Gelände hinter mir zu lassen. „Hat dich Meister Abawitan endlich rausgeworfen?“, brüllte er. „Wurde aber auch Zeit! Endlich sind wir diese von den Göttern verdammte Schande los!“ Er warf einen weiteren Stein in meine Richtung, doch ich war bereits aus seiner Reichweite heraus. Ihn würde ich am wenigsten vermissen.

Mit einem lauten Klack zog ich das metallene Tor zu und ließ doch noch ein einziges Mal meinen Blick schweifen: von den Stallungen, in die Bregor wieder verschwunden war, um sich um die Pferde zu kümmern, hinüber zu dem Trainingsgelände neben den Baracken, auf dem die Jäger ihr Kampfgeschick bewiesen. Mein Mund füllte sich mit dem Geschmack vom dreckigen Sand des Bodens und Blut, bei den Erinnerungen an die ersten Male, als ich auf dem Platz stand. Abawitan hatte mir verboten, mit den anderen zu trainieren – also hatte ich mich dazugestellt, wann immer ich konnte. Die Ausbilder mussten es gewusst haben, doch keiner von ihnen schickte mich je fort. Ob sie hofften, dass die anderen mir eine Lektion erteilten, oder ob sie sehen wollten, was ich mit dem Rapier anstellen konnte, hatte ich nie herausgefunden. Auf jeden Fall ging niemand behutsam mit mir um.
Die anderen wollten mich nie vergessen lassen, wo ihrer Meinung nach mein Platz war.
Ich spuckte auf den Boden, um die Erinnerung und den Geschmack wieder loszuwerden. Direkt daneben standen die metallenen Konstrukte, die Abawitan von einem befreundeten Zauberschmied, einem Halbling namens Jackson, hatte errichten lassen. Ein System, das aufgrund einer Kombination aus Magie und einem elaborierten Geflecht von Schienen, Ketten und Zahnrädern die Möglichkeit bot, verschiedene Szenarien abzubilden, sodass man seine Kampfkunst auch ohne einen Partner verfeinern konnte. Hier verbrachte ich Abende, teilweise sogar bis in die frühen Morgenstunden hinein. Alleine, ohne Spott und ohne Steine. Es war neben der Bibliothek der einzige Ort auf diesem Gelände, an dem ich ich selbst sein konnte.
Ich würde ihn vermissen.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Geländes befand sich die Schießanlage, bei der man mit Bogen oder Armbrust auf Ziele unterschiedlicher Größe anlegen konnte, die in verschiedenen Entfernungen aufgestellt waren. Jackson hatte auch hier dafür gesorgt, dass es nicht einfach nur starre Scheiben waren, sondern dass sie sich auch in alle Richtungen bewegen konnten, um zum Beispiel ein anstürmendes Monster oder einen fliegenden Unhold zu simulieren.

Mit einem Schock stellte ich fest, dass ich meinen Kurzbogen und Köcher im Landhaus liegen gelassen hatte. Es war zwar nur ein einfacher Kurzbogen, dennoch hatte ich in den letzten Jahren durchaus ein Händchen für den Umgang mit dieser Fernkampfwaffe entwickelt. Aber nicht für einen Augenblick zog ich es in Erwägung, wieder über den Pfad zurück zum Haus zu stampfen und ihn einzufordern. Diese Blöße wollte ich mir dann doch nicht geben.

Trotzdem blieb mein Blick für einen Moment auf dem alten Gebäude hängen.
Dicke, graue Steinmauern formten ein symmetrisches Gebäude in U-Form, dessen offene Seite vom Eingangstor abgewandt lag und einen Innenhof mit Brunnen beherbergte. Das doppelflügelige Eingangsportal befand sich in der Mitte des Komplexes, flankiert von großen Fenstern, die viel Licht ins Innere ließen. Das erste Obergeschoss erstreckte sich über die gesamte Grundfläche und bot genügend Platz, um beinahe ein Dutzend Gäste unterzubringen. Darüber erhob sich ein zweites Geschoss, das nur den Gebäudeteil einnahm, der dem Eisentor zugewandt war – kaum mehr als zwei Schlafzimmer und ein Arbeitszimmer. Während das Zimmer meiner Eltern zum Tor zeigte, lag meines auf der Rückseite des Trakts. Als Kind dachte ich noch, ich hätte dieses Zimmer bekommen, damit ich die Aussicht auf den Innenhof und die dahinterliegenden Gärten genießen konnte – doch irgendwann erkannte ich den wahren Grund. Es war das Zimmer, das am isoliertesten von allen lag. Links und rechts neben dem Balkon des vorderen Schlafzimmers wehten die Banner des Anwesens. Ein blutroter Stoff bildete den Hintergrund, darauf die Silhouette eines klassischen, nach unten verjüngten Wappenschildes. Darüber lag ein aufrecht stehendes Schwert, dessen Klinge von goldenen Flammen umhüllt war. Ein eindeutiges Zeichen, dass diese kleine Festung zum Blutjäger-Orden der Geisterschlächter gehörte.

Dann bemerkte ich den Schatten, der sich hinter den Fenstern im Schlafzimmer des aktuellen Ordensanführers bewegte. „Willst dich wohl versichern, dass ich auch endlich verschwinde, was?“, murmelte ich vor mich hin. Der erste Donner grollte in der Ferne, als ich die Hand von der kalten Eisenstange nahm. Langsam zog ich die Kapuze meines Umhangs über den Kopf, um mich vor dem aufkommenden Wind zu schützen. Ohne mich nochmals umzudrehen, ließ ich das Tor, das Haus und alles, was darin gewesen war, hinter mir zurück. Mein Ziel war es, die Wahrheit über meine Herkunft herauszufinden. Welchen Pakt meine Mutter damals eingegangen war und warum sie es getan hatte, weshalb es mir immer verschwiegen worden war und wer eigentlich mein wahrer Vater war. Doch ohne konkrete Anhaltspunkte blieb mir vorerst nichts übrig, als bei der Abzweigung den Weg durch den Wald zum nahegelegenen Dorf einzuschlagen. „Hoffentlich erreiche ich es noch, bevor der Regen einsetzt“, dachte ich mir mit einem Blick Richtung Westen, wo in den aufziehenden dunklen Wolken weiter Blitze zuckten.