Alle Kapitel

Kutschfahrt in die Stadt

Kutschfahrt in die Stadt

Um die Sehne zu schonen, entspannte ich sie von dem unteren Wurfarm und steckte den Bogen wieder seitlich an meinen Rucksack. Mit einem kurzen Blick auf den Boden stellte ich fest, dass die verschossenen Pfeile die Hitze der Kreaturen nicht überstanden hatten. „Dann hab ich jetzt nur noch sieben …“, murmelte ich leise, als ich zu den anderen zur Kutsche hinüberging.
Die beiden Elfen unterhielten sich in ihrer Muttersprache, sodass ich nicht verstehen konnte, worüber genau sie redeten. Daher blieb ich etwas abseits stehen und blickte hinüber zu dem Waldrand. Anhand einer leicht verkokelten Schneise durch die Gräser hindurch war es offensichtlich, dass die Mephiten aus dieser Richtung gekommen waren. „Hey, Teuf… Bogenschützin.“ Mellaria kam ein paar Schritte zu mir rüber. Ich blickte sie an und es war ihr anzusehen, dass sie mit den Tränen kämpfte. „Es ist mir klar, dass das etwas viel verlangt ist – aber hast du 250 Gold dabei?“ Sie hielt in ihrer rechten Hand fest den Griff ihres Kurzschwertes und vermied es, mir direkt in die Augen zu blicken.
„Nein, habe ich nicht. Ich habe nicht mal 5 Gold insgesamt bei mir.“ Sie umklammerte den Griff ihrer Waffe fester, bis sich ihre Knöchel weiß verfärbten. „Wenn du vorhast, jetzt eine Dummheit zu begehen – dann würd ich dir davon abraten.“ Ich kniff die Augen zusammen und blickte die Elfe an. Ich versuchte eine ruhige Haltung zu bewahren, machte mich aber dennoch bereit, schnell meinen Rapier ziehen zu können, wenn es sein müsste.

Erst da schien sie zu bemerken, was sie überhaupt tat und steckte schnell die Klinge zurück in die Scheide an ihrem Gürtel. Dann drehte sie sich um und ging zur Kutsche zurück. „Wofür überhaupt?“, fragte ich, als ich ebenfalls hinüberschritt.
„Ich möchte ihn zum Tempel in Wardjagard bringen“, antwortete sie mit zittriger Stimme, als sie neben dem Halbork kniete und dessen Hand hielt.
„Erfahrene Priester verfügen über Zauber, um die Toten wieder auferstehen zu lassen.“ Telaris übernahm für Mellaria die Erklärung. „Für den letzten Auftrag schulde ich den beiden noch 50 Gold.“ Er wandte sich wieder an die Elfe. „Zusätzlich wäre ich bereit, euch schon jetzt einen neuen Vertrag für künftige Aufträge aufzusetzen und dafür 200 Gold als Vorschuss auszuzahlen, sobald wir in meinem Geschäft sind. Mehr kann ich dann nicht entbehren – und man hat nur knapp über eine Woche Zeit, bevor der Körper und die Seele die Verbindung zueinander verlieren. Danach wird es schwieriger – und kostspieliger.“

Tatsächlich haben Kleriker die Kraft, die Seele eines Gefallenen wieder in den Körper zurückzuholen. In einem Buch in der Bibliothek des Anwesens hatte ich mal darüber gelesen. Allerdings konnte ich nicht mehr sagen, welches das war. Ich hatte mich eher mit den Schriften über Jagden, Helden vergangener Tage und Monster beschäftigt. Alles, was mit den fünf Göttern zu tun hatte, hatte ich immer überblättert. Geblieben waren mir in dem Moment nur Bruchstücke: ist die Seele willig, kann sie in den Körper zurückgeführt, können die Wunden verschlossen und der Lebensfunke neu entfacht werden. Liegt der Todeszeitpunkt weiter in der Vergangenheit, kostet es mehr Kraft, das Echo des Geistes ausfindig zu machen. Zusätzlich wird dabei ein Diamant benötigt, wobei der Reinheitsgrad und die Größe wichtig sind.
Damals hatte mich das nicht weiter gekümmert. Jetzt lag ein Toter in der Kutsche.

„Aber das wären doch schon mal 250. Wie viel kostet denn ein entsprechender Edelstein?“ Ich blickte von Telaris zu Mellaria.
„Das Doppelte“, sagte Mellaria knapp, als sie sich wieder erhob. „Herr Telaris, Ihr bringt Kroosh und mich doch in Wardjagard hinein?“
„Natürlich, das ist immerhin auch Teil des Auftrags gewesen. Ihr bietet mir sicheres Geleit bei der kleinen Expedition und weiter bis nach Wardjagard. Dafür bezahle ich Euch und bringe Euch in die Stadt hinein. Aber es fehlen Euch dann immer noch die anderen 250 Gold.“
„Die treib ich schon irgendwie auf!“ Mit diesen Worten begann sie, Gepäck im Innenraum herumzustellen und teilweise Taschen und Koffer aufs Dach zu hieven.

Ich wandte mich an den Elfen, der draußen stehen blieb. „Herr Telaris war der Name, richtig? Was genau ist damit gemeint, mit ‚in die Stadt hineinbringen‘? Das klingt so, als ob man nicht einfach so hineingehen kann?“
„Ah, Ihr kennt mich? Habt Ihr schon mal von mir gehört oder hatten wir schon mal Geschäfte miteinander?“
„Nein, Eure Begleiterin hat den Namen nur bereits mehrmals erwähnt.“ Er schien einen Augenblick enttäuscht gewesen zu sein, dass ich noch nicht von ihm gehört hatte, sammelte sich aber eine Sekunde später wieder. „Hm, dann seid Ihr wohl nicht aus der Region? Ja, genau. Es gibt zwar im Moment keine direkte Eingangssperre, immerhin ist es eine Handelsstadt. Aber in letzter Zeit treiben sich in der Gegend vermehrt Diebe und gefährliche Kreaturen herum. Und beides scheut sich nicht davor, Reisende anzugreifen.“ Sein Blick fiel auf die Überreste der Mephiten – mittlerweile erloschen und nur noch kleine, dunkelrot-braune Pfützen am Boden. „Daher gibt es verschärfte Einlasskontrollen an den Toren, und es kann auch durchaus vorkommen, dass der Eintritt verwehrt bleibt, wenn man sich auffällig verhält oder …“ Sein Blick wanderte hoch zu meinen Hörnern. „… oder wenn die Wachen einfach einen schlechten Tag haben. Daher ist es für Abenteurer, Söldner und vergleichbares reisendes Volk einfacher, sich zum Beispiel einem in der Stadt bekannten Händler anzuschließen.“ Er blickte mich nochmals abschätzig von Kopf bis Fuß an. „Wollt Ihr auch in die Stadt? Wenn ja, mache ich Euch folgenden Vorschlag: als Dank für Eure Hilfe gerade, biete ich an, Euch mitzunehmen. Dadurch könnt Ihr die Stadt noch erreichen, bevor die Sonne komplett untergegangen ist und es wird für Euch auch einfacher, hinter die Stadtmauern zu gelangen. Und wenn Ihr in meinem Laden vorbeikommt, mache ich Euch einen guten Preis.“

„Helft mir mal!“ Mellaria kniete hinter dem regungslosen Krooshtar und packte ihn unter den Achseln. Ich schritt zu ihr hinüber und sah jetzt erst, was sie mit dem Verschieben des Gepäcks erreichen wollte. Sie hatte den Fußraum der Kutsche so aufgefüllt, dass nun im Inneren der Kutsche eine Art Liegefläche existierte, die die beiden Bänke miteinander verband. Ich ging hinüber und packte die Beine von Krooshtar. Telaris stand daneben und half jetzt nicht direkt beim Hochhieven, hielt aber zumindest die Tür auf, damit sie nicht selbstständig zufallen und uns dabei stören konnte. Den Körper des Halborks, der schlaff durchhing wie ein zu großer Sack Kartoffeln, in die Kutsche hineinzuheben dauerte etwas, aber am Ende schafften wir es doch irgendwie. Mellaria rückte Krooshtar noch etwas zurecht, sodass er möglichst gerade liegen konnte.

Ich griff nach dem Schwert, das er während des Kampfes fallen gelassen hatte. Es war ein gut gearbeitetes Langschwert. Es hatte zwar keine auffälligen Verzierungen oder Gravuren, aber dennoch war das Geschick des Schmiedes darin zu erkennen. Aber vor allem konnte man sehen, dass sich sein eher ruppig wirkender Träger sehr um seine Ausrüstung kümmerte und die Klinge regelmäßig reinigte. Zudem sammelte ich noch die Axt auf, bei der es sich eher um ein schlichtes Werkzeug anstatt einer Waffe handelte. Doch selbst die befand sich in einem besseren Zustand als Dracks alte Axt, die an meinem Gürtel steckte. Ich reichte der Elfe die beiden Waffen ins Innere der Kutsche, worauf sie diese neben Krooshtar zum Schild auf das improvisierte Bett legte.

Telaris hatte sich währenddessen auf den Kutschbock gesetzt – ihm wäre es wohl lieber gewesen, wenn er im Gefährt Platz nehmen hätte können, aber er wollte wohl auch nicht neben einem Toten sitzen. „Nun, mein Angebot steht natürlich noch, dass ich Euch mitnehme, allerdings seht Ihr ja selbst, dass es mit dem Platz etwas knapp bemessen ist …“, sagte er, während Mellaria sich neben ihm niederließ. „Aber wenn es Euch nichts ausmacht, könnt Ihr auf dem Dach der Kutsche Platz nehmen. Es ist jetzt nicht das Bequemste, aber dennoch angenehmer, als zu laufen.“ Ich blickte von ihm zum Dach der Kutsche und zurück zu ihm. Dann seufzte ich kurz und begann über eines der Räder und eines der Fenster auf das Dach zu klettern. Immerhin war jetzt genügend Platz, da das meiste des Gepäcks sich im Fußraum befand. Ich ließ mich auf ein Knie nieder und hielt mich mit einer Hand an einer der Stangen fest, die eigentlich dazu dienten, Gepäck mit Seilen zu befestigen. „Kann losgehen.“ Als die Pferde lostrabten, warf ich nochmals einen Blick über die Schulter. Kurz war mir so, als ob sich an der Stelle, an der die Mephiten aus dem Wald kamen, eine humanoide Gestalt zwischen den Schatten der Bäume bewegt hätte. Doch als ich kurz blinzelte, konnte ich nichts Auffälliges mehr erkennen.

Die Fahrt auf dem Dach der Kutsche war nicht gerade angenehm. Aufgrund der holprigen Strecke und der Geschwindigkeit, mit der Mellaria die Pferde antrieb, stieß mein Knie mehrmals gegen das Holz, sodass ich mir sicher sein konnte, dass ich das morgen noch spüren würde. Die kühle Abendluft und der Fahrtwind waren hingegen recht angenehm auf den verbrannten Stellen meiner Haut. Wir passierten mehrere Gehöfte, die selbst schon kleine Dörfer sein konnten, mit vielen weitläufigen Feldern, auf denen neben Getreide und Raps aber auch Gemüse und Obstbäume angebaut wurden. Telaris drehte sich irgendwann etwas zu mir und sprach gegen das Getrappel der Hufe: „Verzeiht meine Unhöflichkeit, aber ich hatte mich ja noch gar nicht richtig vorgestellt. Mein Name ist Valarian Telaris und das hier ist meine Begleiterin Mellaria Sorel. Ich bin ein – doch durchaus angesehener – Händler im Händlerviertel von Wardjagard, und handle mit einer Vielzahl von Dingen. Mein Hauptgeschäft liegt im Handel von Stoffen, Fellen und Leder. Und Ihr seid?“
„Splitter“, antwortete ich und klammerte mich reflexartig an eine der Gepäckstangen, als ein Rad durch ein Schlagloch polterte.
„Nur ‚Splitter‘?“
„Vorerst nur Splitter.“
„Nun gut. Ihr scheint Euch ja mit den Kreaturen auszukennen, eine Art Monsterjägerin nehme ich an? Was könnt Ihr mir über diese Wesen erzählen?“
„Das waren Mephiten. Keine Kreaturen in diesem Sinne, sondern eher kleine Elementarwesen, die in verschiedensten Formen beziehungsweise eben Elementen auftreten können. Diese waren eben vom Typ Feuer.“
„Ich bin jetzt diese Strecke schon häufiger unterwegs gewesen, aber so etwas ist mir noch nie passiert. Man wird mal von Banditen überfallen, natürlich – oder von wilden Hunden, Wölfen oder anderen Tieren, die aus purer Verzweiflung auf der Suche nach Nahrung sind. Aber noch nie von der Verkörperung der Elemente. Kommt sowas häufiger vor?“
„Sie sind jetzt nicht unbedingt freundliche Kreaturen und können durchaus ohne ersichtlichen Grund angreifen. Aber es ist eher ungewöhnlich, sie in einem Wald anzutreffen. Die Magma-Mephiten gehören eher in Vulkane oder Vergleichbares, also wo es heiß ist. Es gibt natürlich auch Mephiten, die in Wäldern wohnen – aber die sind dann von einem anderen Element.“ Ich wechselte in einen Schneidersitz auf dem Dach und hielt mich wieder an der Stange fest. „Also warum hier?“, murmelte ich zu mir selbst, in Gedanken verloren. Dann fiel mir wieder der Schatten ein. Die Mephiten könnten von einem Magier beschworen worden sein, aber warum? Mein Blick fiel auf die Hinterköpfe von Telaris und Mellaria. Vielleicht hatte es der Unbekannte auf den Händler abgesehen? Doch wenn dem so wäre, warum hatte er nicht mit eingegriffen? Die vier Mephiten waren ja schon eine Herausforderung. Wenn jetzt hier wirklich noch ein Magier im Kampf mitgemischt hätte, hätte das sehr böse enden können. Doch egal wie viel ich mir den Kopf darüber zerbrach, ohne weitere Informationen würde ich auf kein Ergebnis kommen können.