Ankunft in Wardjagard
Ankunft in Wardjagard
Die Mauern und Türme der Stadt zeichneten sich am Horizont als eine schwarze Silhouette vor der roten, untergehenden Sonne ab. Wardjagard lag vor uns – einst nur eine Verteidigungsanlage am Fluss, um Räubern den Wasserweg zur Hauptstadt zu verwehren, war sie über die letzten Jahrhunderte zu einer namhaften Handelsstadt herangewachsen.
Wir ließen die Felder und Höfe hinter uns, und kurz bevor wir die ersten Häuserreihen erreichten, zog ich die Kapuze wieder über den Kopf. „Das hier ist der Ostsaum, so nennen ihn zumindest die Einwohner hier“, erklärte Telaris über die Schulter. „Da müssen wir durch, dann sind wir am Tor.“
Noch bevor ich Einzelheiten ausmachen konnte, trug uns der Westwind schon eine Kostprobe dessen entgegen, was uns erwartete. Es roch nach Tieren, Dung, Unrat, Blut und Innereien. „Hier draußen sitzt alles, was viel Wasser braucht oder was man innerhalb der Mauern nicht haben will“, fuhr er fort. „Werkstätten, Schmieden und vor allem Gerber und Schlachter. Der Grund dafür dürfte eindeutig sein …“
Wir passierten einen eingezäunten Bereich, in dem Kühe, Schweine, Schafe, und anderes Vieh zusammengepfercht waren. Eben alles, was üblicherweise auf einem Viehmarkt feilgeboten wurde. Dazwischen gingen einzelne Nachtwächter mit Fackeln auf und ab, vermutlich um Viehdiebe fernzuhalten. Vor ein paar der Gebäude in der Nähe waren Tierhäute auf Holzrahmen gespannt. An manchen schabten Arbeiter selbst jetzt noch Fett und Fellreste von den Häuten. Kurz darauf mündete unser Weg in eine breitere Straße, die aus Nordosten von der Hauptstadt Augustopolis herankam. Direkt auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand ein zweistöckiges Gasthaus, aus dessen Fenstern warmes Licht fiel und Stimmen, Gelächter und Musik nach draußen drangen. Aus einer nahen Schmiede hallte das gleichmäßige Hämmern auf einem Amboss herüber.
Weiter links, südlich der Stadt entlang des Stadtgrabens, wurden die Häuser zusehends ärmlicher. Im Dämmerlicht erkannte ich kaum mehr als windschiefe Hütten, aus alten Brettern zusammengezimmert und mit Gras oder Schilf gedeckt.
„Wir haben Glück! Die Tore sind noch geöffnet!“ verkündete Telaris, als wir uns dem Torhaus näherten. Die Zugbrücke über den Graben, der mit dem Fluss verbunden war und die Stadtmauer umschloss, lag herabgelassen, das Fallgatter hochgezogen. Vor dem Eingang wartete eine kleine Schlange von Personen, die vor Torschluss in die Stadt hineinwollten. Eine der Wachen rief die nächste Person nach vorne, als sich unsere Pferde ungeduldig einreihten. Von meiner erhöhten Position auf dem Kutschdach ließ ich meinen Blick schweifen. Im Torhaus standen mehrere Wachen verschiedener Herkunft, alle mit einem Schild und einer Waffe, Speer oder Schwert, ausgerüstet. Schilde und Kleidung waren in den Farben Schwarz und Orange gehalten, mit einem Karomuster aus vier Quadraten. Die Ausrüstung der Wachen in Baldora erinnerte mich entfernt daran. Hinter den Schießscharten in den oberen Etagen des Steingebäudes ließen sich die Umrisse von Schützen erahnen. Zu beiden Seiten des Torhauses befanden sich weitere Schützen und jeweils eine technisch-magische Kanone auf dem steinernen Wall. Die Geschütze sahen so aus, als hätte man sie von Schiffen entfernt und mit blau-leuchtenden Rohren und Schläuchen versehen. Selbst hier unten konnte man ein leises Brummen hören, das nur von diesen Konstrukten stammen konnte.
Ich konnte sehen, wie die Wachen von ihrer erhöhten Position aus mir mit ihren Blicken folgten. Es war wohl nicht gerade üblich, dass jemand auf einer Kutsche mitfuhr. Da ich es mir aber in einem Schneidersitz bequem gemacht hatte – und nicht den Anschein erweckte, eine Attentäterin zu sein, die den Kutscher überfallen möchte – schienen sie mich erst mal nicht als Gefahr einzuschätzen. Vor uns bewegte sich die Schlange weiter, manche Gruppen und Reiter durften passieren, während andere Personen abgewiesen wurden.
„Halt! Name und Anlass?“ Ein stämmiger Drachengeborener mit grünen Schuppen, in denselben Waffenrock gekleidet, stellte sich unserer Kutsche in den Weg. Der eiserne Harnisch über seiner Brust hob ihn von den anderen Wachen ab – vermutlich der Hauptmann. Er blickte zu Telaris und Mellaria auf der Kutsche hoch. Zeitgleich kam ein menschlicher Soldat dazu und ging um die Kutsche herum.
„Ich bin der Händler Valarian Telaris und mein Laden ist in der Stadt. Und wir sind auf dem Weg zum Tempel, weil …“ Seinen Satz konnte er allerdings nicht beenden, da er von dem Soldaten unterbrochen wurde. „Hier liegt noch ein Halbork in der Kutsche! He, da drin, aufstehen!“
„Fass ihn nicht an!“, drohte Mellaria, die Hand schon am Griff des Kurzschwerts am Gürtel. Einen Augenblick später begann die Situation zu eskalieren. Aus den Schießscharten waren Armbrüste auf uns gerichtet und die Soldaten im Tor erhoben die Schilde und Waffen.
Telaris richtete sich vorsichtig auf, eine Hand auf Mellarias Schulter gelegt, die andere in einer beschwichtigenden Geste zum Drachengeborenen. „Ganz ruhig, kein Grund zur Panik. Wie ich gerade sagen wollte, sind wir auf dem Weg zum Tempel, weil einer der von mir angeheuerten Söldner auf dem Weg hierher im Kampf gegen …“, er blickte zu mir. „Wie hießen die Kreaturen gleich nochmals?“
Ich erhob mich langsam, wohl wissend, dass zwei Armbrüste auf mich gerichtet waren, und kniete mich wieder knapp hinter Telaris auf der Kutsche hin, um den Drachengeborenen besser sehen zu können. Doch bevor ich etwas sagen konnte, wurde ich vom Hauptmann unterbrochen. „Wer sein Gesicht unter einer Kapuze versteckt, hat etwas zu verbergen. Nehmt sie ab und dann sprecht.“
Leise seufzend griff ich nach meiner Kapuze und ließ sie von meinem Kopf gleiten. Die anwesenden Soldaten zuckten kurz zusammen. Weitere Bolzenspitzen schoben sich aus den Schießscharten und wurden auf mich gerichtet. Nur der Drachengeborene schien nicht überrascht zu sein. „Was will die Teufelsbrut hier?“, murmelte einer der Torwächter seinem Waffengefährten neben sich zu.
„Besser. Also, sprecht.“
Ich schluckte meine Nervosität herunter. Um mich ein wenig zu beruhigen, atmete ich tief durch, blendete die Armbrüste und das Getuschel aus und konzentrierte mich auf den Hauptmann. „Magma-Mephiten.“
Telaris griff schnell ein. „Ja genau, wir wurden von diesen Magma-Mephiten angegriffen, also ursprünglich nur ich und meine beiden Begleiter Mellaria hier, und der nun gefallene Krooshtar. Aber die Monsterjägerin Splitter hier ist uns dann im Kampf zu Hilfe geeilt und konnte verhindern, dass es uns ebenfalls so erging.“
Bei der Erwähnung der Mephiten verengten sich die Augen des Hauptmanns, soweit es zumindest in seinem geschuppten Gesicht möglich war. Sein Blick blieb für einen Moment auf mir hängen, bevor sein Fokus auf Telaris wechselte. „Wann und wo?“
„Beim Waldstück hinterm Hügel, nicht mal eine Stunde entfernt. In der Nähe ist der Pferdezüchter-Hof.“
„Ja, ich weiß welchen Wald Ihr meint. Händler Telaris war der Name? Nun gut, Ihr könnt passieren.“ Er nickte in meine Richtung. „Bürgt Ihr für sie? Dann kann sie mit. Ansonsten bleibt sie im Saum.“
Telaris überlegte für eine Sekunde länger, als es mir lieb war. „Nun, ich kenne sie selbst erst seit einer Stunde … Aber ich bin ihr zu Dank verpflichtet, denn ohne sie wäre ich jetzt vermutlich nicht hier. Daher ja, ich bürge für sie, das bin ich ihr schuldig.“
Der Hauptmann gab ein Zeichen und die restlichen Soldaten entspannten sich wieder. „Ich erwarte, Herr Telaris, dass Ihr morgen in einem der Wachhäuser eine vollständige Meldung abgebt, was genau passiert ist.“
„Aber natürlich. Danke.“ Der Elf nickte ihm kurz zu, bevor er sich wieder auf den Kutschbock hinsetzte und die Zügel in die Hand nahm.
„Ja, ja. Bringt den Gefallen zum Tempel.“
Bevor wir uns aber in Bewegung setzen konnten, erhob ich selber kurz das Wort. „Wartet noch, Herr Telaris. Da war noch etwas.“ Überrascht blickte er mich an, und auch der Hauptmann schaute mich erwartungsvoll an. „Als wir vorhin aufgebrochen sind, hatte ich noch die Waldgrenze im Auge behalten, für den Fall dass ein weiterer Mephit erscheinen würde. Und es war mir so, als ob ich einen Schatten zwischen den Bäumen gesehen hätte. Vielleicht menschlich oder elfisch? Auf alle Fälle kein Halbling, aber auch kein Riese. Bevor ich Genaueres erkennen konnte, war er aber nicht mehr zu entdecken.“
„Ein grob menschlicher Schatten … Mehr nicht? Das ist jetzt nicht sonderlich hilfreich, Frau Monsterjägerin. Und Ihr seid dann nicht auf die Idee gekommen, Euch das mal genauer anzuschauen, vielleicht Spuren zu suchen oder was auch immer ihr Jäger so macht?“
„Naja, also doch … aber wir wollten die Stadt noch heute erreichen, um möglichst keine Zeit zu verschwenden und den Halbork schnell zum Tempel zu bringen.“
„Dann werde ich morgen wohl meine Leute dort hinschicken, um sich die Sache mal anzuschauen. Jetzt setzt euch in Bewegung, damit wir das Tor schließen können.“
Telaris ließ nicht lange auf sich warten, gab den Pferden ein Zeichen und die Kutsche setzte sich wieder in Bewegung. Der Drachengeborene warf mir auf der Kutsche einen letzten Blick zu, wandte sich dann an seine Soldaten. „Alles klar, wir machen dicht für heute! Zugbrücke hoch! Tor runter!“ Hinter uns rasselten die Ketten, als sich die Zugbrücke erhob. Das Fallgatter ratterte an der Winde hinab und versank mit den Spitzen in mit Eisen verstärkte Löcher im Steinboden, wo es mit einem dumpfen, schweren Schlag aufsetzte, den man sogar durch die Kutsche hindurch spüren konnte.
Wir entfernten uns vom Torhaus und folgten der breiteren Hauptstraße weiter in die Stadt hinein. Die Hufe und Räder klapperten rhythmisch über das Kopfsteinpflaster. Die meisten Bewohner hatten sich bereits in ihre Häuser zurückgezogen; in der einsetzenden Dunkelheit waren nur noch vereinzelte Personen oder kleinere Gruppen im Schein der Laternen unterwegs: Bürger und Handwerker, die aus den Tavernen stolperten, und Abenteurer und Reisende auf der Suche nach einem freien Bett. Immer wenn sich eine Tür öffnete, drangen Gelächter und Musik auf die Straße. Auch der Gestank des Ostsaums schien hier erfreulicherweise schnell nachzulassen und wich dem Geruch von Feuer in den Kaminen und gekochtem Essen.
Die Straße führte fast schnurgerade weiter ins Zentrum. Am westlichen Ende der Stadt, auf einem Hügel, konnte man noch die Umrisse der alten Festung erkennen und kleine Lichter, die sich auf den Mauern bewegten – vermutlich Wachen, die Fackeln trugen.
Ungefähr im Zentrum der Stadt erreichten wir den Tempelplatz, der von mehreren Laternen in ein warmes orangefarbenes Licht getaucht wurde. Es handelte sich dabei um eine kreisrunde Fläche von knapp hundert Meter Durchmesser, die mit dunklen Steinen gepflastert war. In der Mitte erhob sich ein beeindruckendes Gebäude mit hellem Verputz. Soweit ich aus unserer Perspektive erkennen konnte, besaß der Tempel eine gleichmäßige fünfeckige Grundform – würde zumindest zu den fünf Göttern passen. In jede Ecke war ein runder Anbau eingelassen, der einem kleinen Turm gleichkam, wobei jeder ein Kegeldach in einer anderen Farbe hatte. Hinter den Fenstern der Spitzgauben konnte man erkennen, dass im Inneren noch Licht brannte.
Kaum dass die Kutsche zum Stehen kam, sprang Mellaria von ihrem Sitzplatz herab und ging eilig auf das große Eingangsportal zu. Dort angekommen hämmerte sie mit ihrer Faust gegen das Holz, dass es über den beinahe leeren Platz hallte. Eine Gruppe von Bürgern blickte aufgeschreckt zu uns hinüber, ging dann aber weiter ihres Weges. Ich kletterte gerade von der Kutsche herab, Telaris war ebenfalls abgestiegen, als Mellaria erneut gegen die Tür pochen wollte. Doch von innen ertönte ein leises Klicken und ein Flügel schwang nach außen auf, sodass sie einen Schritt zurückweichen musste, und warmes Licht fiel hinaus auf das dunkle Pflaster. Im Schein waren die Umrisse einer Gestalt in weiter Robe zu erkennen.