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Junge Jägerin

Junge Jägerin

„Was bei den Göttern ist das?“ Grunulf richtete sich auf, noch etwas unbeholfen, aber er konnte zumindest wieder normal stehen.
„Wie ich schon sagte, ein kleiner Teufel. Der ist …“
„Das mein ich nicht! Sondern das!“ Er deutete auf meinen Rapier in meiner Hand, über dessen Klinge immer noch blaue Funken zuckten.
„Das ist eine der Künste der Blutjäger aus der Festung.“ Ich funkelte ihn für einen Augenblick herausfordernd an. „Mit der ich Euch gerade übrigens das Leben gerettet habe.“
„Ohne dich hätte ich gar nicht erst in den Wald stapfen müssen!“
„Und zulassen, dass das Ding hier weiter Tiere abschlachtet? Oder irgendwann sogar noch die Bewohner angreift?“
Sein Blick war finster und grimmig. Dann wandte er den Blick ab und murmelte kaum verständlich ein „Danke“ in seinen Bart hinein.
„Wie war das?“
„Ich werd mich nicht wiederholen!“
Ich blickte ihn noch etwas an, konnte mir aber ein kleines Lächeln nicht verkneifen. „Hat das Gift soweit wieder nachgelassen, dass Ihr laufen könnt?“
„Ach, lass das mit Ihr und Euch. Ist eigentlich nicht meine Art. Und ich sagte doch, ich bin zäh. Ich pack das schon.“ Noch ein bisschen unbeholfen schritt er hinüber zu dem leblosen Körper des geflügelten Unholds. „Was machen wir jetzt mit dem? Verbrennen?“
„Das ist eine Kreatur der Glut. Mit Feuer kommst du bei denen nicht weit.“ Mit einem kurzen Schwung des Handgelenks entfernte ich den Blutfilm, der die Klinge bedeckte. Als das Blut vom Eisen zum Boden spritzte, verebbten auch die Funken und ich steckte den Rapier zurück an meinen Gürtel. Danach packte ich das Biest am Schwanz und hob es hoch. „Wir bringen es mal zum Vogt. Der sollte Bescheid wissen.“

Die Dorfbewohner wichen zurück, als ich mit dem erlegten Monster in der Hand Grunulf wieder zurück zum Rathaus folgte. Ein paar wenige bestaunten es zwar neugierig und begannen mit anderen in der Nähe zu tuscheln, die meisten verstummten und man konnte ihnen ansehen, dass sie sich davor fürchteten – als ob es jederzeit wieder zum Leben erwachen könnte und sie angreifen würde. „Was ist das?“ fragte der Dorfvorsteher mit einer Mischung aus Abscheu und Interesse, als wir wieder in sein Arbeitszimmer traten.
„Ein kleiner Teufel. Eine der niedersten Kreaturen, die die Glut ausspucken kann. Diener, die dem Befehl ihres jeweiligen Herrn – wie zum Beispiel ein Dämon – befolgen.“
„Soll das heißen, dass hier ein Dämon in der Nähe sein Unwesen treibt?“
„Ich denke nicht … Aber es muss einen Grund haben, warum er hier unterwegs war. Ihr solltet einen Boten zum Orden schicken. Die Jäger müssen über diese Entdeckung informiert werden.“ Ich legte den Unhold auf ein Stück Stoff, das der Vogt auf einem Tisch am Rande seines Arbeitszimmers ausgebreitet hatte. „Und solltet Ihr weitere Vorkommnisse dieser Art von Euren Bauern gemeldet bekommen, gebt am besten auch direkt dem Orden wieder Bescheid.“
Der Vogt holte einen Stapel Papiere aus seinem Schreibtisch hervor und wollte sich gerade daran machen, schon mal einen Brief aufzusetzen. Doch bevor er die Feder ansetzte, blickte er nochmals hoch zu mir. „Ich habe Euch nie nach Eurem Namen gefragt.“
„Splitter.“
„Splitter? Ein… ungewöhnlicher Name.“ Sein Blick verweilte für einen Augenblick auf mir. „Wollt Ihr in dem Schreiben erwähnt werden, oder soll ich Euren Namen weglassen?“
Ich überlegte kurz. Mir gefiel die Vorstellung, dass mein Zieh-Vater davon erfahren würde, dass ich bereits meine erste Jagd erfolgreich abgeschlossen hatte. Dass ich trotz all der Hürden, die mir in den Weg geworfen wurden, trotzdem in der Lage war zu kämpfen. Zu jagen.
„Ihr könnt mich ruhig erwähnen. Die Jäger würden Euch sonst befragen, wo und wie Eure Wachen das Biest erlegt hätten.“
Der Vogt zog eine Augenbraue hoch als er mich kurz musterte, sagte aber nichts dazu. „Nun gut.“ Er faltete das Papier zusammen, steckte es in einen Umschlag und versiegelte es mit ein bisschen Wachs einer Kerze. „Grunulf, gebt diesen Brief am besten an Jacobi. Er soll sich eins der Pferde aus dem Stall nehmen und noch heute losreiten. Danach seid Ihr für heute von Eurem restlichen Wachdienst befreit, geht ins Gasthaus und trinkt einen Becher auf mich.“ Der Zwerg nickte, nahm mit einem „Jawohl“ den Umschlag entgegen und verließ das Arbeitszimmer.
Der Vogt öffnete wieder die kleine, hölzerne Truhe und begann Münzen abzuzählen. „Hier Eure Belohnung für das Erlegen der Kreatur.“ Er legte zwölf Silbermünzen auf den Tisch. „Und ich möchte Euch noch darauf einladen, die Nacht hier im Gasthaus zu verbringen und Euch bei einer Mahlzeit und einem heißen Zuber zu entspannen.“ Er fügte noch acht weitere Münzen hinzu und schob die Summe über den Tisch.
„Ich denke, ich werde auf dieses Angebot eingehen.“ Ich verstaute die Münzen zusammen mit denen, die ich schon als Belohnung für das Erlegen der Banditen verdient hatte. „Ich werde aber in den frühen Morgenstunden schon wieder aufbrechen.“
„Ich verstehe. Nun, ich habe Euch versprochen zu erzählen, was ich über den gesuchten Tüftler weiß. Er blieb auf dem Weg zum Orden durchaus gerne für eine Nacht im Dorf. Aber ich könnte mich jetzt nicht daran erinnern, ihn in den letzten Jahren gesehen zu haben. Soweit ich weiß, hat er in der Stadt eine Werkstatt im Handwerksviertel. Wo genau, kann ich leider nicht sagen – da werdet Ihr vor Ort nachfragen müssen.“
Ich nickte ihm zu. „Danke.“ Doch bevor ich durch die Tür ging, erhob er noch einmal das Wort. „Passt auf Euch auf, junge Jägerin.“

Der Geruch von verschüttetem Bier und Holzrauch empfing mich, als ich die Tür des Gasthauses öffnete. Am frühen Abend war noch nicht viel los und nur an drei Tischen im Schankraum saßen Dorfbewohner zusammen. Abgesehen von einem Hirschkopf über einer Feuerstelle gab es nichts Auffälliges, was den Raum schmückte. Das Gespräch an einem nahen Tisch verstummte und ich konnte direkt spüren, wie die Blicke der Gäste mir folgten, als ich zum Tresen ging. „Eine warme Mahlzeit und einen Krug Bier bitte. Anschließend einen Zuber heißes Wasser und ein Zimmer für die Nacht.“ Ich blickte unter meiner Kapuze den Wirt des kleinen Gasthauses an. Er musterte mich abschätzig von oben bis unten. „Klar, macht 15 Silbermünzen.“
„Aber laut der Liste kostet es nur die Hälfte!?“ Überrascht deutete ich auf eine kleine Tafel, die an einer Säule neben der Theke hing.
„Das sind die Preise für normale Gäste. Jemand deiner Art bezahlt das Doppelte. Wenns dir nicht passt, kannst auch gerne in eins der anderen Gasthäuser gehen.“ Er lachte. Ich biss die Zähne zusammen und ballte die Fäuste. Doch bevor ich etwas sagen konnte, wurde ich mit einem „Mach mal Platz da“ zur Seite geschoben. Ich wollte schon denjenigen anfauchen, bis ich bemerkte, dass es sich dabei um Grunulf handelte – in normaler Kleidung hätte ich ihn fast nicht erkannt. Der Zwerg setzte sich auf einen Hocker an der Theke. „He, Wirt. Hier ist Kundschaft.“
„Ah, Grunulf, schön dich zu sehen.“ Der Wirt wandte sich ihm zu und schien mich nun komplett zu ignorieren. „Das Übliche?“, fragte er, als er schon einen Krug von einem Regal nahm. „Hab gehört du warst heute ausnahmsweise mal fleißig? Einen Kampf gegen ein geflügeltes Ding.“
„Ja, war echt hässlich. Hat mich mit seinem Stachel knapp überm Herz getroffen. Verfluchtes Gift, konnt mich kaum noch bewegen.“
„Und wie hast dus dann besiegt?“
„War ja nicht allein. Jemand ausm Orden auf der anderen Waldseite im Süden war mit dabei. Hat die Rapierklinge mitm eigenen Blut beschmiert und dann waren da Funken und kleine Blitze.“
„Die können sowas wirklich? Dachte das wärn nur Gerüchte!“
„Ne, das war echt. Und gut dass die Jägerin da war. Das Biest hat sich als Rabe ausgegeben, n ganz normaler Vogel. Die hat das aber gemerkt. Das Monster hät noch weitere Viecher gerissen und wär irgendwann vielleicht sogar hier ins Dorf gekommen. Morgen werden wohl weitere von den Jägern kommen, Jacobi ist gerad aufm Weg auf Geheiß vom Vogt.“
„Und wo ist die Jägerin jetzt hin?“
„Was fragstn so blöd. Steht doch direkt vor dir.“ Und mit einem Kopfnicken zeigte Grunulf auf mich.

Der Wirt blickte mich nochmals an. Da erst fiel ihm wohl der Rapier auf, der an meinem Gürtel baumelte. Grunulf schaute sich gelangweilt im Gasthaus um, setzte seinen Krug an und nahm einen tiefen Schluck. Die schon anwesenden Gäste verfolgten angespannt das Gespräch, möglichst ohne sich etwas anmerken zu lassen.
Ich war mit der Situation überfordert. Dass jemand mal Partei für mich ergreift, kannte ich so nicht. Ich überlegte, wie ich darauf reagieren sollte, doch ich wusste nicht, wie ich diese Situation nun für mich nutzen könnte. Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als Grunulf seinen nun leeren Krug etwas lauter auf der Theke wieder abstellte. „Und wenn du ihres hast, dann nehm ich nochmals n Krug. Der Vogt war recht dankbar drüber, dass wir das Feuergezücht erlegt haben.“
„Der Vogt …“ murmelte der Wirt kaum hörbar. „Na gut, rück schon die acht Silbermünzen raus, dann kriegste was du wolltest.“
Nachdem ich ihm die Münzen auf den Tresen gelegt hatte, schnappte er sich diese. Mit einem grimmigen Blick mir gegenüber verschwand er dann durch eine Tür, die wahrscheinlich zur Küche führte. Ich ließ mich auf einem Hocker neben Grunulf nieder und flüsterte ein leises Danke.
„Passt schon, damit sind wir quitt. Aufm Kampffeld scheinst ja was zu taugen, das geb ich dir. Aber im Wortgefecht gehst du unter. Daran musst du arbeiten, wenn du was in der Welt erreichen willst.“ Er drehte den Kopf zu mir rüber, schaute mir in die Augen, dann merkte ich, wie seine Augen höher zur Kapuze wanderten. „Die Kapuze hilft nicht wirklich dabei, deine Hörner zu verstecken. Das ist dir schon klar, oder?“
„Natürlich, aber was soll ich denn sonst machen?“
„Solange du den Mund nicht aufkriegst und wie ein Mäuschen herumdruckst? Nichts.“
Der Wirt kam zurück aus der Küche und stellte mir eine Schüssel dampfenden Eintopf mit ein paar Scheiben Brot und einen Krug Bier hin, füllte bei Grunulf nach und meinte nur knapp: „Das Feuer für den Zuber ist angeheizt, Waschraum ist hinterm Haus. Zimmer ist oben, zweite Tür rechts. Gibt keinen Schlüssel, aber innen ist n Riegel.“ Bevor ich etwas sagen konnte, wandte er sich aber schon wieder ab.

Der Eintopf war nichts Besonderes, das Fleisch etwas zäh, und ein bisschen mehr Salz wär nicht schlecht gewesen – aber immerhin etwas Warmes im Magen. Dafür schmeckte das Bier besser. Grunulf leistete mir in der Zeit zwar noch Gesellschaft, aber wirklich viel gesprochen hatten wir dann nicht mehr miteinander. Aber es war dennoch schön, nicht alleine am Tresen sitzen zu müssen. „Ich geh mich dann mal waschen. Bleibst du noch?“ Ich erhob mich von meinem Hocker und blickte zum Zwerg. Grunulf leerte seinen Krug aus. „Nein, ich geh nach Hause, bevor meine Frau mit mir schimpft. Halt die Ohren steif, kleines Mäuschen, und nicht unterkriegen lassen.“ Er nickte mir kurz zu und ging dann an mir vorbei in Richtung des Ausgangs. „Danke.“

Dampfschwaden umspielten meinen Fuß als ich vorsichtig die Zehen in das Wasser steckte, um die Temperatur zu testen. Es war zwar nicht ganz so heiß, wie ich es am liebsten gehabt hätte, aber ich wollte auch nicht länger warten. Mit einem kurzen Blick über die Schulter vergewisserte ich mich, dass ich auch den Riegel vorgezogen hatte. Auf unerwartete Besucher hatte ich keine Lust. Dann stieg ich in den Zuber und ließ mich langsam darin nieder. Begleitet vom Knacken der glühenden Holzstücke unter dem Kessel in einer Ecke des Schuppens, schloss ich die Augen, ließ mich von der Wärme umhüllen und blendete alles andere aus.