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Die erste Jagd

Die erste Jagd

„Das hier ist der Hof des Bauern, der die Meldung gemacht hatte?“ Ich blickte über die Schulter zu meinem vorübergehenden Begleiter. „Ja“, brummte Grunulf.
„Hattet Ihr es selbst schon gesehen?“
„Nein“, kam nur die Antwort des Wächters. Ich wandte mich wieder nach vorne um, da ich nicht erwartete, dem Zwerg mehr Informationen entlocken zu können, selbst wenn er persönlich dabei gewesen wäre. Er war überhaupt nicht begeistert gewesen, als der Vogt ihm befahl, mich zu begleiten.

Ich ging durch das offene Tor im Holzzaun, der das Gelände umfasste, und schritt auf das Wohngebäude zu. Ein paar der Hühner gackerten, als sie vor den beiden Fremden davon liefen. Ich wich den Matschpfützen vom gestrigen Regen aus, stieg die paar Stufen im steinernen Fundament zur Haustür hoch und klopfte daran. Das Gebäude war etwas kleiner als die umliegenden, und auch die Tür war dementsprechend etwas niedriger. Als diese geöffnet wurde, war auch der Grund davon direkt ersichtlich. Ein Halbling in der einfachen Tracht eines Bauern war sichtlich überrascht, dass er so unerwartet Besuch bekam. Sein Blick fiel erst auf mich – mein Gesicht war wieder unter der Kapuze verborgen – und dann auf meinen Begleiter hinter mir. „Guten Morgen, Grunulf. Hat der Vogt nun endlich jemanden geschickt, der sich das mal anschaut? Wurd ja auch Zeit. Und wer ist sie hier?“ sagte er mit einem Kopfnicken in meine Richtung.
„Ich bin diejenige, die sich um das Problem kümmern wird. Könnt Ihr uns zum Fundort des Schafes führen?“
Sein Blick wanderte wieder von mir zu Grunulf und zurück. „Klar, folgt mir.“

Er führte uns über seinen Hof zu einer der Weideflächen im Südosten. Die Wiese lag am Rande des Waldes, nicht unweit des östlichen Pfades der Kreuzung. Die übrigen Schafe schienen die Nähe der Baumreihen zu meiden. Aber auch die Tiere auf den benachbarten Feldern hielten eher Distanz. „Die Tiere haben auf alle Fälle Angst. Es kam vermutlich aus dem Wald, oder ist vielleicht immer noch darin“, murmelte ich vor mich hin, eher zu mir selbst als zu den anderen beiden. Als wir weiter über das Feld schritten, kam ein weißer Fleck am anderen Ende in den Blick, in der Nähe des Zaunes. Dieser Fleck stellte sich schon bald als die Überreste eines Schafes heraus. Fliegen summten über dem Kadaver herum und der süßliche Geruch von Blut lag in der Luft. Das Tier lag auf der rechten Seite, die Augen im Schreck aufgerissen und der Blick glasig. Die linke Flanke war ziemlich übel zugerichtet: kurz hinter dem Vorderbein war ein ungefähr zwei bis drei Finger breites Loch, als wäre es mit einem groben Speer gestochen worden. Etwas weiter dahinter war das Fleisch aufgerissen und lag teilweise in Fetzen.

Ich kniete mich neben dem leblosen Körper nieder, um die beiden Stellen genauer untersuchen zu können. In dem Fleisch der Stichwunde ließen sich zusätzlich zu dem halb-getrockneten Blut Reste einer grünlichen Substanz finden. Ich zückte ein Messer, schnitt eine Handvoll der Wolle ab und tupfte damit in der Wunde herum, aber vorsichtig, da ich diese Flüssigkeit nicht auf die Haut bekommen wollte. „Sieht nach einer Art Gift aus …“, sagte ich, als ich es den anderen beiden zeigte. „Gibt es hier in Baldora einen Kundigen der Alchemie?“ Der Zwerg neigte sich etwas vor, um einen besseren Blick zu bekommen. „Nein, so jemanden haben wir hier nicht. Für sowas müssen wir immer in die Stadt.“
Nachdem ich die Wolle in einem fest verschnürten Lederbeutel verstaut hatte, wandte ich mich der Bisswunde zu. Teilweise wurde direkt daraus gefressen, aber ein weiteres, größeres Stück wurde herausgerissen. „Das Wesen dürfte etwas größer gewesen sein als eine Katze, aber nicht um viel“, erklärte ich. „Zwei lange, spitze Zähne – vermutlich Fangzähne“, führte ich fort. Ich wandte mich dem Bauern zu: „Ihr habt es heute Morgen so vorgefunden?“
„Ja. Als ich die Tiere füttern wollte, ist mir aufgefallen, dass sie sich komisch verhielten.“ Er gestikulierte über seine Schulter zu dem Rest der Herde, die diesen Bereich immer noch möglichst mied. „Also bin ich halt mal nachschauen gegangen, und da fand ich das Schaf hier so vor. Bin dann direkt zum Vogt, um Meldung zu machen.“
„War sonst noch jemand hier seitdem?“
„Nein. Der Vogt meinte, ich solle es genau so liegen lassen, wie ich es gefunden hatte und er würde eine der Wachen schicken, um sich das anzuschauen.“\

Ich stand wieder auf und ging ein paar Schritte von der Leiche weg und machte dabei eine Geste, dass die anderen auch auf Abstand gehen sollten. „Was ist denn jetzt?“, fragte Grunulf. „Es hatte gestern sehr stark geregnet.“ Ich deutete kurz auf die klar erkennbaren Abdrücke unserer Stiefel im Gras und Matsch, ohne dass ich mich zu den beiden umdrehte. Mein Blick glitt über den Bereich um das Schaf herum.
„Ah, also hat der Angreifer auch eine Spur hinterlassen!“, brummte der Zwerg. „Durchaus möglich“, murmelte ich, als ich das Schaf langsam umrundete, den Blick auf den Boden gerichtet, um eventuelle Spuren im Boden zu bemerken. Das Gras war teilweise etwas niedergetrampelt – das Tier hatte versucht, sich zu wehren, aber es passierte wohl innerhalb von Sekunden. Aber Spuren des Angreifers gab es keine zu finden.
„Und Frau Jägerin, was hat das Tier so zugerichtet, und wohin ist’s geflohen?“ Grunulf blickte mich etwas herausfordernd an, als ich einmal einen Kreis abgegangen war.
„Ich weiß es nicht“, gab ich ehrlich zu. Doch bevor ich weiter ausführen konnte, unterbrach mich der Zwerg abwertend: „Pah, so viel also zu den Künsten der Blutjäger aus der Festung.“
„Die ist eine von denen?“ Der Bauer blickte überrascht zu Grunulf und dann wieder zu mir.
Ich ignorierte die beiden jedoch. „Ich weiß es nicht, weil der Angreifer keine Spuren im Boden hinterlassen hat. Und das heißt …“ Ich funkelte ihn unter der Kapuze herausfordernd an, ob er von selbst auf die Lösung kam. Als ich nur sein verwirrtes Gesicht erblickte, rollte ich mit den Augen. „… dass der Angreifer nicht über den Boden kam. Sondern aus dem Himmel.“ Ich blickte an ihm vorbei zu der restlichen Herde, die sich immer noch auf der anderen Seite der Weide aufhielt. „Und ich schätze mal, wir werden den Täter dort finden.“ Ich drehte ihm den Rücken zu und gestikulierte mit einem Kopfnicken in Richtung des Waldes.

Ein Rabe auf einem Ast beäugte uns misstrauisch, als der Zwerg und ich die Baumgrenze passierten und uns tiefer ins Waldesinnere begaben. „Verdammt, warum muss ich überhaupt mit?“ Grunulf protestierte hinter mir, als der Stoff seines Waffenrocks in einem Gestrüpp hängen blieb. Durch das Fluchen des Zwerges aufgeschreckt flog der Rabe davon, wobei er sich lauthals krächzend beschwerte.
Ich drehte mich auf der Stelle zu ihm herum. Sein ständiges Gejammer und Fluchen ging mir auf die Nerven, weswegen ich ihn anfauchte. „Dann geh doch zurück. Geh und sag dem Vogt, dass ich mich allein darum kümmern muss, obwohl er dir explizit aufgetragen hatte, mich zu unterstützen.“ Auf Höflichkeit legte ich in dem Moment keinen Wert.
Er blickte mir in die Augen und brummte nur: „Na los, geh schon weiter.“
„Nur wenn du dann endlich still bist. Ansonsten lass ich dich wirklich hier stehen. Der halbe Wald weiß vermutlich sowieso schon, dass wir hier sind.“

„Wonach genau suchen wir jetzt eigentlich?“ Wir waren schon ein Stück weiter in den Wald hineingegangen, als der Zwerg die Frage flüsterte.
Das war tatsächlich eine gute Frage. Über uns in den Baumkronen landete ein Rabe auf einem Ast und krächzte laut, fast als ob er uns auslachen würde. Es war vermutlich derselbe, dem wir auch schon am Waldrand begegnet waren. „Es gibt wohl hier sonst nichts Interessantes zu beobachten. Es sind ja auch sonst keine Tiere hier unterwegs.“, dachte ich mir, als ich gerade weitergehen wollte. Aber dann fiel mir erst die absolute Stille auf, die sonst um uns herum herrschte. Keine anderen Vögel waren zu hören; keine Hasen, die von Grunulfs Brummen aufgeschreckt wurden und davon liefen; nicht mal das Surren und Summen von Insekten in der Luft. Als würden alle Tiere dieses Gebiet meiden. Alle, bis auf den Raben. Ich blickte hoch und es war unverkennbar, dass dieser Vogel auf uns fixiert war. Ich griff nach einem abgebrochenen Ast und schleuderte ihn auf den Vogel. Dieser flatterte hastig davon und setzte sich auf einen anderen Baum, um uns weiter zu verspotten. „Verfluchtes Miststück. Triffst mich nicht.“ Ich bildete mir ein, ich hätte ihn verstehen können.
„Was für ein seltsamer Vogel …“ Grunulf blickte ebenfalls empor. „Anstatt wegzufliegen bleibt er einfach sitzen. Und dazu klingt er noch so, als ob er sich an seiner eigenen Zunge verschlucken würde. Geschieht dir recht!“ Er schüttelte die Faust bei seinem letzten Ruf.
„Was meint Ihr damit: ‚An seiner Zunge verschlucken würde‘?“
„Naja, es klingt ja eher nach einem Zischen und Fauchen, als nach einem normalen Krächzen.“
Aber da war es wieder. „Triffst mich nicht! Triffst mich nicht!“ Ich war mir ganz sicher, dass es vom Raben kam.

„Ein kleiner Teufel!“ Sofort zog ich meinen Bogen und spannte mit geübten Handgriffen die Sehne auf.
„Ein was!?“ Grunulf neben mir war ziemlich verwirrt.
„Ein kleines, infernales Wesen. Kann sich zum Beispiel in einen Raben verwandeln und hat in seiner wahren Gestalt einen giftigen Stachel wie ein Skorpion.“ Ich legte einen Pfeil an und schoss auf den Raben. Doch bevor das Geschoss sein Ziel treffen konnte, verschwand der Vogel spurlos. „Und die können sich unsichtbar machen …“ Ich packte den Bogen wieder weg und zückte meinen Rapier. „Haltet Euch bereit.“
Ob er nun meiner Anweisung folgte oder einfach nur instinktiv reagierte – auch er erhob seinen Schild und hielt den Speer fest umklammert.

Der kleine Teufel höhnte: „Seht mich nicht! Seht mich nicht!“, als er uns mit etwas Abstand umkreiste. „Da ist schon wieder dieses Zischen“, merkte Grunulf an, der vergeblich versuchte, die Quelle zu orten. Auf einmal war es absolut still. Ich schloss kurz die Augen, um mich auf mein Gehör zu konzentrieren. Es war kein Spott mehr zu hören, aber auch kein Flügelschlagen. Nur Grunulfs unruhiger Atem in meinem Rücken. Wir warteten.
Grunulf wurde unruhig. „Ich glaub, das Ding hat sich verzogen.“ Er ließ seine Deckung sinken. Auf genau den Moment hatte die infernale Kreatur nur gewartet. „Thihihi, jetzt hab ich dich, Fettwanst!“ Ich drehte mich herum, um Grunulf zu warnen. Doch es war zu spät. Die Kreatur wurde genau in dem Moment sichtbar, als sich der Stachel in Grunulfs Brust bohrte. Eine kleine humanoide Gestalt, von den kurzen Hörnern bis zu den Füßen nicht mal einen halben Meter groß, mit roter Haut und leuchtenden gelben Augen, ledrigen Flügeln und einem Skorpionsschwanz, der selbst nochmals fast so lang war wie der Körper selbst.
Grunulf schrie schmerzerfüllt auf, schlug aber dennoch mit seinem Speer nach dem geflügelten Monster. Er konnte es zwar nicht mit der Spitze treffen, aber immerhin von sich wegstoßen.
Ich drängte mich an ihm vorbei und ließ meinen Rapier nach vorne schnellen. Ich wollte einen der Flügel treffen, um die Mobilität einzuschränken, allerdings konnte die Bestie sich gerade so noch aus meiner Reichweite entfernen.

Neben mir sackte Grunulf auf ein Knie runter und stützte sich auf seinem Speer ab. „Geht schon, ich bin zäh. Aber es lähmt.“
„Ich kümmere mich schon darum.“ Ich positionierte mich zwischen ihm und unserem Angreifer. „Zeit etwas Neues auszuprobieren …“, murmelte ich, als ich das Metall meines Rapiers mit der linken Hand umschloss und meine Handfläche über die Klinge führte. Es brannte, aber ich schluckte es runter. Meine Gedanken kreisten um den Blutroten Ritus und den Sturm von gestern. Mein Blut umhüllte das Eisen und schien direkt in die Waffe einzufließen, bis nur ein hauchdünner, roter Film übrig blieb. Einen Augenblick später begannen blaue Funken vom Griff bis zur Spitze zu knistern und ein Geruch wie vor einem Gewitter stieg mir in die Nase.
Bevor ich jedoch zum Angriff kam, sah ich schon den kleinen Teufel auf mich zufliegen – bereit, auch mich mit seinem Gift zu schwächen. Seine Flügel peitschten die Luft, als er sich auf mich stürzen wollte. Gerade noch rechtzeitig erhob ich meinen Schild, sodass der Stachel davon abgelenkt wurde. Anstatt meine Brust zu treffen, hinterließ er nur einen langen Kratzer an der Schulter. Ich spürte, wie das Gift durch die Wunde zu kriechen begann. Durch den kurzen Kontakt war zum Glück nicht genug Gift in meinen Kreislauf gelangt, sodass das Gefühl schnell wieder verblasste.
Ich nutzte direkt die Gelegenheit und verpasste dem Unhold einen schnellen Schnitt über den Rücken, als er an mir vorbeiflog. Leider war dieser nicht sonderlich tief, doch die Funken sprangen trotzdem über. Kleine Blitze zuckten von der Schnittwunde über alle Gliedmaßen, sodass die Kreatur für einen kurzen Moment nicht mehr fliegen konnte und zu Boden krachte und über die nassen Blätter rutschte.
„Verdammte Jäger!“ fauchte er, als er sich wieder in die Lüfte erhob und knapp einen Meter über dem Boden schwebte.

Anstatt sich aber wieder mir zuzuwenden, stürzte er auf den Zwerg zu, der sich mühsam wieder hochstemmte. „Mist!“, fluchte ich, da ich nicht mehr rechtzeitig nach vorne kommen würde, um den Zwerg zu verteidigen. Der Zwerg wollte seinen Schild erheben, doch er war sichtlich zu schwach, um den Angriff abzuwehren. Um ihn zu retten, nutzte ich den Blutfluch der Augenlosen, den mein Großvater beschrieben hatte. Mit einer schnellen Bewegung meiner linken Hand schleuderte ich gezielt einzelne Bluttropfen dem Monster entgegen, die auf dessen Augen trafen und sich über die Netzhaut legten. Dadurch wurde die Wahrnehmung der Kreatur von einem roten Nebel verwaschen. Der Stachel schnellte zwar nach vorne, traf aber nur den hölzernen Schild des Zwergs und blieb darin stecken.
Ich nutzte diese Gelegenheit, sprang nach vorne und hieb mit meiner Klinge nach dem Skorpionsschwanz. Zum Durchtrennen reichte der Schlag nicht, hinterließ aber dennoch eine sichtbare Kerbe. Schmerzerfüllt und wütend schlug die kleine Gestalt mit ihren Krallen nach meinem Gesicht. Sie verfehlte nur knapp mein Auge und hinterließ zwei tiefe Kratzer auf meiner Wange. Grunulf konnte seine Lähmung wohl kurzzeitig überwinden und stach einmal mit dem Speer nach der Kreatur und verletzte diese an den Rippen.
„Mach schon!“ knurrte mich der Zwerg an.
Ich wartete nicht lange und tat es ihm gleich. Die Spitze des Rapiers bohrte sich in den Bauch des Unholds. Und dann zuckten die Blitze erneut durch den kompletten Körper, bevor dieser regungslos zu Boden fiel.