Baldora
Baldora
Am Morgen setzte ich mich auf und streckte erst mal meine Arme, Schultern und den Rücken. Die Wunde an meinen Rippen zwickte kaum noch merklich. Nach einem einfachen Frühstück, bei dem ich überwiegend den frischeren Proviant verbrauchte, den Ramira und Drack hinterlassen hatten, packte ich meine Sachen zusammen. An meinem Gürtel befestigte ich den Köcher mit den Pfeilen und den Lederbeutel mit den Münzen und dem Schmuck; den Bogen mit der lockeren Sehne befestigte ich seitlich an meinem Rucksack, während die Bücher wieder sorgfältig in Stoff eingewickelt im Inneren ihren Platz fanden. Ich warf noch einen kurzen Blick auf die Decke, die die beiden Leichen verdeckte, und murmelte „Sollen euch die Tiere holen“, als ich die Höhle verließ.
Es war noch recht früh, die Luft kühl und schwer vom Regen, sodass sich zwischen den Bäumen feine Nebelschwaden hielten. Meine Stiefel schmatzten leise bei jedem Schritt durch das feuchte Moos. Nach wenigen Minuten erreichte ich wieder die Straße, die durch den Wald ins Dorf führte. Abgesehen von dem Gesang der Vögel war das leichte Stechen der Pfeilwunde in meinem Oberschenkel mein einziger Begleiter.
Nach einer guten Stunde erreichte ich eine Kreuzung am Waldrand. An der Baumgrenze entlang führte ein etwas breiterer Weg nach Nordwesten – vermutlich die Richtung in eine größere Stadt, von der ich mal gehört hatte, ungefähr eine Tagesreise entfernt. Ein anderer Pfad verschwand nach Osten zwischen den Bäumen; wohin er am Ende führte, wusste ich nicht. Ich konnte mich zumindest erinnern, auf einer Karte mal gesehen zu haben, dass er an einem Arm des Flusses vorbeikam. „Es wäre sinnvoll gewesen, noch eine Karte aus dem Archiv mitzunehmen …“, schimpfte ich etwas mit mir selbst.
Mein eigener Weg führte über die Kreuzung hinweg, weiter geradeaus, hinein nach Baldora. Ich vermied es, in die Pfützen oder Wagenspuren, in deren Furchen sich Wasser vom Regen gesammelt hatte, zu treten. Eine Gruppe von Kühen hob ihre Köpfe und beobachtete mich kurz über den Holzzaun hinweg, als ich ihre Weide passierte, bevor sie sich desinteressiert wieder abwandten und weiter grasten. Ein Bauer war auf der anderen Seite in einem Getreidefeld gerade dabei, eine Vogelscheuche wieder aufzurichten, die wohl vom Sturm gestern umgeworfen worden war. Der Weizen oder die Gerste war noch grün. Etwas weiter erstreckte sich neben dem Getreide ein Feld in kräftigem Gelb – blühender Raps, dessen Duft mir schon von weitem entgegenwehte.
Je näher ich an Baldora kam, desto kleinteiliger wurden die Anbauflächen: Am Dorfrand reihten sich schmale, von niedrigen Flechtzäunen eingefasste Gemüseäcker aneinander, auf denen ich junge Salatköpfe und lange Reihen von Zwiebeln und Kohlpflänzchen erkennen konnte.
Baldora selbst war bereits zum Leben erwacht. Aus mehreren Kaminen stieg Rauch in den noch etwas dunstigen Morgenhimmel, und vom zentralen Brunnen auf dem kleinen Dorfplatz hörte ich das Klappern von Eimern, während ein paar Dorfbewohner sich dort mit Wasser versorgten und dabei angeregt miteinander sprachen. Irgendwo kläffte ein Hund, gleich gefolgt von aufgeregtem Kindergelächter – zwei kleine Gestalten jagten johlend hinter einer aufgescheuchten Schar Hühner her. Bevor die Aufmerksamkeit der Bewohner auf mich fiel, zog ich die Kapuze wieder über den Kopf.
Doch bevor ich die Häuser erreichen konnte, kam eine Gestalt auf mich zugeeilt. Vor mir baute sich ein kräftiger Zwerg auf, mit langem, braunem Bart und grimmigem Blick. Und obwohl er kleiner war als ich, wirkte er dennoch etwas einschüchternd. Am linken Unterarm trug er einen Schild in den Farben Schwarz und Orange, dazu auch einen passenden Waffenrock. In der rechten Hand hielt er einen Speer, den er zwar noch nicht auf mich richtete, aber seine Haltung verriet, dass er jederzeit dazu bereit war. „Halt, Fremde!“ Die Dorfbewohner auf dem Platz blickten sich neugierig und leicht besorgt um, als sie seine tiefe Stimme hörten. „Was wollt Ihr in unserem Dorf, was ist Euer Begehr?“
„Ich bin nur auf der Durchreise und bin nicht hier, um Ärger zu verursachen.“
„Wie eine einfache Reisende seht Ihr aber nicht aus.“ Er musterte mich von Kapuze bis zu den Stiefeln. „Eher wie eine Abenteurerin. Oder vielleicht gehört Ihr auch zu den Dieben – oder warum sonst das Gesicht verbergen?“
„Den Dieben? Hat das Dorf ein Problem? Vielleicht kann ich euch ja dabei helfen?“ Ich konnte seinen Blick auf mir spüren.
„Am besten folgt Ihr mir erst mal zum Vogt.“ Seine Stimme klang nicht nach einer Einladung.
Er führte mich über den Platz im Zentrum des Dorfes hin zum Rathaus des Ortes, einem etwas größeren, aus Stein gebauten Gebäude. Die Bewohner Baldoras blickten uns hinterher, ein paar aus Neugier, die meisten eher aus Furcht oder Misstrauen. Gerade als wir durch den Eingang treten wollten, kam ein Halbling gedankenverloren und mit leicht verfinstertem Blick heraus und lief fast in den Zwerg hinein. Mit einem schnellen „Guten Morgen. ’Tschuldigung.“ drückte er sich vorbei und ging über den Dorfplatz. Hinter dem Eingangszimmer ließ sich durch eine offene Tür eine Art Versammlungshalle ausmachen. Weitere Türen an den Seiten des Raumes waren verschlossen. Doch der Wächter führte mich über den dunklen Steinboden zu einer hölzernen Treppe, deren Stufen unter unseren Stiefeln knarzten. Im Obergeschoss angekommen, ging er auf eine Tür zu, gegen die er klopfte.
„Ja, herein“, kam von innen eine gedämpfte, tiefe Stimme. Der Zwerg ließ mich als Erste eintreten, folgte hinter mir und schloss die Tür wieder. Das Arbeitszimmer des Vogts war zum Dorfplatz hin ausgerichtet, mit einem großen Fenster, von dem aus man gut das Treiben im Ort beobachten konnte. Davor stand ein Mensch mit ergrauendem Haar am Ansatz und ordentlicher Kleidung, der sich langsam zu mir umdrehte. „Willkommen in meinem kleinen Dorf“, sagte er mit kraftvoller Stimme und machte eine Geste auf die Stühle an seinem Schreibtisch, während er selbst ebenfalls Platz nahm. Hinter mir konnte ich hören, wie der Zwerg sich gegen die Tür lehnte. Ich rückte den Stuhl zurecht und ließ mich darauf nieder. Aber anstatt mir seine Aufmerksamkeit zuzuwenden, blickte er an mir vorbei zu dem Zwerg, der daraufhin antwortete: „Sie meinte, sie könne mit dem Banditen-Problem helfen.“ Erst dann wandte er sich vollständig mir zu.
„Ah, eine Abenteurerin auf der Suche nach Arbeit, nehme ich an?“ Ich nickte. „Etwas wortkarg, was? Nun, es gab tatsächlich eine Reihe von kleineren Diebstählen in den letzten Nächten, es wurde zum Glück niemand verletzt, aber es wurden mehrere Handvoll Silber, Ringe und anderer Schmuck entwendet. Niemand konnte die Gestalten genau erkennen, aber einer der Nachtwächter meldete, zwei mit Kapuzen gesehen zu haben, eine kräftige, die andere schlanker und mit einem Bogen. Und jetzt taucht Ihr hier auf einmal auf. Es ist ziemlich unhöflich, im Inneren die Kapuze nicht abzunehmen.“ Der Zwerg hinter mir kam einen Schritt näher, doch der Vogt hob kurz die Hand, woraufhin der Wächter erst mal stehen blieb.
Man konnte mir wohl ansehen, wie unwohl mir in dieser Situation war. Der Stuhl knarzte unter mir bei jeder kleinen Bewegung. In den Büchern und Geschichten gab es zwar vergleichbare Situationen, aber dort war es für den Helden immer einfach, die passenden Worte zu finden. Aber tatsächlich in so einer Situation zu sein, darauf war ich nicht vorbereitet.
„Was habt Ihr zu verbergen? Selbst einfache Diebe wären nicht so dumm, hierher zu spazieren, also, wer seid Ihr?“
Im Kopf ging ich rasch verschiedene Antwortmöglichkeiten durch, doch ich merkte, wie mein Hals trocken wurde und mir eine Schweißperle über die Stirn lief. Die durchdringenden Augen des Vogts machten die Situation nur schlimmer. Anstatt etwas zu sagen, griff ich mit leicht zitternden Händen nach dem Lederbeutel an meinem Gürtel. Auf meine Bewegung hin knurrte der Zwerg warnend: „Langsam!“ Ich band das Säckchen los und ließ es auf den Tisch zwischen mir und dem Vogt fallen, wo es leise klimpernd liegen blieb. Erst dann griff ich mit beiden Händen nach meiner Kapuze und zog sie von meinem Kopf. Der Dorfvorsteher kniff die Augen zusammen, als er meine Hände erblickte, verzog aber keine weitere Miene mehr, als er mein Gesicht sah. Vom Wächter hinter mir konnte ich ein leichtes Schnauben hören.
Ohne den Blick von mir zu nehmen, griff der ältere Mensch nach dem Beutel. Er öffnete ihn und blickte hinein. „Und die Banditen?“ Seine Stimme war immer noch kräftig, aber der misstrauische Unterton war zumindest etwas gewichen.
Ich versuchte es zwar zu unterdrücken, musste aber trotzdem etwas erleichtert ausatmen. Die Nervosität in meiner Stimme legte sich zumindest teilweise wieder. „Tot, zumindest die beiden, denen ich über den Weg gelaufen bin. Dunkelhaariger Mensch und ein Halb-Elf mit langen, blonden Haaren. In einer Höhle im Wald südlich von hier.“
Er musterte mich noch einen Augenblick länger, als mir lieb war, bevor er den Inhalt des Beutels auf seinem Tisch ausbreitete und begann, die Münzen zu zählen. Anschließend packte er alles wieder zurück und warf das Säckchen dem Zwerg zu. „Grunulf, sorg dafür, dass alles wieder an die rechtmäßigen Besitzer zurückgeht.“ Der Zwerg fing es auf und setzte an: „Seid Ihr Euch …“, doch er wurde vom Vogt unterbrochen: „Ja, jetzt geht.“ Daraufhin verließ Grunulf den Raum und zog die Tür hinter sich zu.
Der Vogt stand auf und ging zu einem Schrank hinüber, holte einen Schlüssel an einem Band unter seinem Hemd hervor und sperrte eine Schublade auf. „Ihr erinnert mich an jemanden, Teufelstochter. Vor nicht ganz zehn Jahren hatte sich ein kleines Mädchen in mein Dorf verirrt, das Euch nicht unähnlich sah.“ Ich konnte nicht sehen, was er tat, aber ich hörte, wie er nach etwas Metallischem in der Schublade griff. Instinktiv wanderte meine Hand zu dem Griff meines Rapiers am Gürtel, doch stoppte ich auf dem halben Weg. Der Mann stand mit dem Rücken zu mir und hatte seine Wache davongeschickt. Er sah mich also nicht als Bedrohung an. Entweder er dachte, dass von mir keine Gefahr ausgehe, oder dass er mich besiegen könne, sollte das der Fall sein. Da er aber keine offenen Waffen am Gürtel trug, entspannte ich mich wieder etwas und legte die Hand ruhig zurück in den Schoß.
Er hob eine kleine hölzerne Kiste mit Eisenbeschlägen aus der Schublade hervor, öffnete diese und holte ein paar Silbermünzen heraus, die er auf den Tisch legte. „Zwei Banditen sagtet Ihr?“
„Ja, nur zwei.“
„Ich bewundere Eure Ehrlichkeit.“ Er nickte leicht. „Oder Ihr seid einfach nur zu nervös, um zu lügen?“ Er grinste etwas und zählte insgesamt zwölf Silbermünzen ab, die er dann über den Tisch in meine Richtung schob. Innerlich verfluchte ich mich dafür, dass ich wohl so einfach zu lesen war. Er klappte die Geldtruhe wieder zu, ließ sie aber noch auf dem Tisch stehen.
„Ich erinnere Euch an jemanden?“
Er stellte sich wieder an sein Fenster und blickte nach draußen. „Oh, durchaus. Jemanden von Eurer Art sieht man hier in der Region selten. Das Kind damals ist wohl häufiger von Zuhause davongeschlichen, weil es die Welt sehen wollte. Die Bauern hatten es hin und wieder über die Weiden laufen sehen, weil es so begeistert von den Tieren war. Doch es verschwand immer direkt, wenn es gesehen wurde. Vermutlich ist es über einen Baum auf die hohe Steinmauer geklettert? Doch irgendwann hatten mir die Bauern nichts dergleichen mehr gemeldet.“ Als er fertig war, drehte er sich wieder zu mir um und blickte mich an. Ich wandte meinen Blick ab und sah zu Boden. „Es wurde sicherlich schwieriger für das Mädchen, über die Mauer zu klettern, als der Baum gefällt wurde, um die Bogenschießanlage zu bauen. Mehr noch, als die Eisenstacheln auf der Mauer angebracht wurden …“
Ich konnte spüren, wie sein Blick auf mir ruhte, bevor er weitersprach. „Eines Tages kamen dann die Jäger auf Pferden, die das Mädchen wieder einsammelten. Das war das einzige Mal, dass ich das Kind selbst gesehen habe. Die tiefblaue Haut blieb gut im Gedächtnis. Aber mehr noch erinnere ich mich an die grünen Augen, die Pupillen schlitzförmig wie bei einer Katze. Schüchtern, traute sich nicht, zu widersprechen – aber trotzdem voller Neugier.“
„Hier bin ich wieder …“, lachte ich leicht nervös, unsicher, wohin dieses Gespräch noch führen sollte.
„Das sehe ich. Aber ich schätze mal, ich liege richtig in der Annahme, dass es nicht darum geht, wieder die Tiere zu bewundern?“
„Nein. Ich bin auf der Suche nach einem Halbling, der früher häufiger das Anwesen des Ordens aufgesucht hatte. Ein Tüftler namens Jackson. Natürlich gehe ich nicht davon aus, dass er hier wohnt … aber vielleicht ist er häufiger mal vorbeigekommen?“
„Nun gut, Jägerin, ich werde Euch sagen, was ich weiß.“ Er tippte mit dem Finger auf dem Deckel der Truhe mit den Münzen herum. „Aber zuvor hätte ich vielleicht noch einen Auftrag für Euch.“